Sicherheit

Frankreich fürchtet den Zorn der Muslime

Pariser Satireblatt veröffentlicht neue Mohammed-Karikaturen. Botschaften in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt

Mit der Veröffentlichung mehrerer eher witzfreier Mohammed-Karikaturen hat die französische Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ einen Verkaufsrekord erzielt und erreicht, dass weltweit die Sicherheitsvorkehrungen an französischen Botschaften und Auslandsschulen verschärft werden. Eine entsprechende Anordnung erließ der französische Außenminister Laurent Fabius am Mittwoch, nachdem die neueste Ausgabe erschienen war. Die 75.000 gedruckten Exemplare waren am Nachmittag vergriffen. Die satirische Höchstleistung des Blattes bestand aus zwei Nacktzeichnungen des Propheten auf der letzten Seite. Eine war mit einem Brigitte-Bardot-Zitat aus dem Jean-Luc-Godard-Film „Die Verachtung“ versehen („Und mein Hintern, liebst du meinen Hintern?“), eine weitere zeigte einen knienden Propheten, dessen Anus lediglich mit einem gelben Stern verhüllt war. „Mohammed, ein Star ist geboren“ stand darüber.

Der Sitz von „Charlie Hebdo“ im Pariser Osten wird seitdem von einer Spezialabteilung der Sicherheitspolizei bewacht. Die Redaktion der wöchentlich erscheinenden Postille, in der sich 68er-Esprit mit Fäkalhumor paart, war bereits im November Ziel eines Brandanschlages, nachdem sie eine Sonderausgabe „Charia Hebdo“ mit „Mohammed als Chefredakteur“ veröffentlicht hatte.

Hatte der erste Anschlag noch eine Welle der öffentlichen Solidarisierung mit den bedrohten Satirikern ausgelöst, fielen die Reaktionen diesmal kritischer aus. Die Zahl derjenigen, die den medienwirksamen Coup von „Charlie Hebdo“ verteidigten, war deutlich geringer. In Internetforen überwogen die Stimmen, die dem Magazin Opportunismus unterstellten. Die Internetseite der Zeitung war am Mittwoch gehackt worden und nicht mehr zugänglich. Mit den neuen Karikaturen reagiert das Blatt auf die Welle der Gewalt, die die Veröffentlichung des Schmähfilms „Die Unschuld der Muslime“ vergangene Woche in der muslimischen Welt ausgelöst hatte. Auch in Paris hatten am Sonnabend Hunderte Muslime vor der US-Botschaft demonstriert. Eine für kommenden Sonnabend angekündigte neuerliche Demonstration werde aus Sicherheitsgründen untersagt, kündigte Premierminister Jean-Marc Ayrault an. Der Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, der Zeichner Charb, erklärt nun im Editorial des Blattes: „Die Freiheit, uns ohne Zurückhaltung über alles lustig zu machen, gibt uns bereits das Gesetz. Die systematische Gewalt der Extremisten gibt sie uns erst recht. Danke an die Idiotenbande.“

Der französische Außenminister Laurent Fabius verteidigte daraufhin in einem Radiointerview zwar das Prinzip der Meinungsfreiheit, stellte aber zugleich die rhetorische Frage, ob es in der gegenwärtigen Lage „intelligent“ sei, „Öl ins Feuer“ zu gießen. „Dieser schwachsinnige Film“, so Fabius über das Video, habe nun einmal für heftige Emotionen gesorgt.

Aufgrund der Veröffentlichung von „Charlie Hebdo“ habe er nun Weisung erteilt, „in allen Ländern, in denen es Probleme geben könnte, erhöhte Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Am Freitag, dem Tag des Gebetes, werden die Botschaften und Konsulate in rund 20 muslimischen Ländern geschlossen bleiben, ebenso die französischen Schulen. Außerdem sprach das Außenministerium eine Reisewarnung für muslimische Staaten aus und forderte Franzosen in diesen Ländern zu „erhöhter Wachsamkeit“ auf. Auch Deutschland verschärft die Sicherheitsvorkehrungen an seinen Botschaften in der arabischen Welt. Zu einzelnen Vertretungen werde zusätzliches Personal geschickt, sagte Außenamtssprecher Andreas Peschke am Mittwoch. Ob Botschaften geschlossen werden, ließ er offen.

Die meisten französischen Politiker verteidigten ähnlich wie Fabius die Meinungsfreiheit und zweifelten im selben Atemzug die politische Klugheit der „Charlie Hebdo“-Redaktion an. Premierminister Ayrault wies darauf hin, dass Bürger, die sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlten, in einem Rechtsstaat die Gerichte bemühen könnten. Er erinnerte jedoch auch an die Verantwortung der Redakteure. Diese müssten „in der gegebenen Lage“ nicht unbedingt neue Karikaturen veröffentlichen. Für die konservative Opposition verteidigte der ehemalige Premierminister François Fillon „,Charlie Hebdo‘ und die Meinungsfreiheit“. Man dürfe „keinen Deut“ zurückweichen. Was derzeit in einigen Teilen der Welt geschehe, so Fillon, sei der Anstieg einer „Art der Intoleranz“, die von Extremisten instrumentalisiert werde. Der Leiter der Großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur, verurteilte die Veröffentlichung als verantwortungslos. Stets dieselben „Dummheiten und Verleumdungen zu verbreiten“ lasse eindeutig „ auf ein psychisches Syndrom“ schließen. Es bedeute „Öl aufs Feuer“ zu gießen wenn „Ruhe und Besonnenheit“ erforderlich wären. Am Nachmittag wurde Boubakeur mit weiteren muslimischen Vertretern von Innenminister Manuel Valls empfangen. In seinem Freitagsgebet werde er eine Botschaft der Beruhigung verbreiten, sagte Boubakeur.

Klugheit oder Meinungsfreiheit?

Unterstützung erhielt er in seiner Karikaturenkritik von christlicher und jüdischer Seite. Der Vorsitzende des repräsentativen Rates der jüdischen Institutionen, Richard Prasquier, nannte die Veröffentlichung der Karikaturen „eine verantwortungslose Torheit“. Der Pariser Kardinal André Vingt-Trois befürchtet, die Veröffentlichung könne aufs Neue viele Muslime „in ihrem Glauben verletzen“ und dazu verleiten, „ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen“.

Charb erklärte derweil, der Premierminister solle gefälligst die Pressefreiheit verteidigen und sich nicht „von lächerlichen Clowns einschüchtern lassen“. Den Ratschlag, die „angespannte Lage“ zu berücksichtigen, wies er zurück: „Die Lage ist nie günstig, um sich über den Islam oder andere Religionen zu mokieren. Wenn man immer die Lage berücksichtigt, spricht man über gar nichts mehr.“