Ausland

Die Vietnamesen feiern Philipp Rösler

Plötzlich beliebt: Der FDP-Chef beschwört in der sozialistischen Republik unter Jubel die Marktwirtschaft

Philipp Rösler geht in die Hocke, beugt sich zu den Kindern vor. Die 13-jährige Linh erzählt ihm, dass sie aus einem Dorf in der Nähe von Hanoi kommt. Die drei Jungs, die vor Rösler auf einer kleinen Holzbank sitzen, können nicht sprechen. Einer ist 14 Jahre, die anderen beiden sechs, sie leiden unter den Spätfolgen des Vietnamkriegs. Das Entlaubungsgift Agent Orange, das die US-Armee großflächig versprühte, zeigt auch in der dritten Generation noch seine grausame Wirkung.

Rösler ist im „Dorf der Freundschaft“ in Hanoi, das von einem früheren US-Soldaten als Zeichen der Versöhnung gegründet wurde und sich um die Opfer des Kriegs kümmert, Kinder und Veteranen. Für Deutschlands Wirtschaftsminister ist es der emotionalste Programmpunkt während seiner viertägigen Reise durch Vietnam und Thailand. Auch wenn er versucht, sich das nicht zu sehr anmerken zu lassen. Ob ihm der Besuch nahegehe? „Ein bisschen natürlich schon.“

Und dann gibt er doch noch einen kleinen Einblick in seine Gefühlswelt. Seine Eltern hätten die Gräuel des Vietnamkriegs im Fernseher gesehen und sich entschlossen, ein Kind zu adoptieren, erzählt er. „Man stellt sich schon die Frage, was passiert wäre, wenn sie sich nicht entschieden hätten.“ Dann wäre er heute wohl nicht FDP-Chef, Wirtschaftsminister und Vizekanzler Deutschlands.

Zum zweiten Mal in seinem Leben besucht Rösler sein Geburtsland. Vor sechs Jahren reiste er privat mit seiner Frau durch das Mekongdelta, nun kehrt er in diesen Tagen auf Dienstreise zurück, eineinhalb Tage Hanoi, ein Tag Saigon, danach Thailand. Auf dem Hinflug bittet Rösler die mitreisenden Journalisten zu sich, um eine Botschaft loszuwerden: Er reist als Wirtschaftsminister nach Vietnam, im Dienst der deutschen Unternehmen, die in dem Schwellenland auf gute Geschäfte hoffen. Es ist kein Privattrip, keine PR-Reise zu seinen Wurzeln. Das ist Rösler wichtig. Er betont es oft.

Aber natürlich weiß er auch, dass ein Besuch in Vietnam etwas anderes ist als die letzten Reisen nach Estland, in die Niederlande oder nach Südafrika. Während des Vietnamkriegs wurde Rösler als Findelkind vor einem katholischen Waisenhaus abgelegt, von Nonnen aufgenommen, neun Monate später kam er zu seinen Adoptiveltern. „Wenn man mit neun Monaten adoptiert wird, hat man keine Erinnerungen an seinen Geburtsort“, sagt Rösler. „Meine Heimat ist Deutschland.“

Es dominieren die üblichen Gespräche mit Regierungsmitgliedern und Wirtschaftsvertretern. Aber sie verlaufen etwas anders als üblich. Als Rösler zur National Economics University fährt, warten bereits Hunderte Studenten. Sie haben sich zum Spalier aufgereiht, die Männer in Anzügen, die Frauen in traditionellen roten und violetten vietnamesischen Gewändern. Als Rösler aus dem schwarzen Mercedes steigt, hallt der Applaus laut über den Platz vor der Aula. Rösler wird wie ein Popstar empfangen.

In Hanoi macht Rösler eine Erfahrung, die er in Deutschland lange nicht mehr gemacht hat: Er wird umjubelt. So lauten Beifall wie vor der Universität bekam er zuletzt wohl beim FDP-Parteitag in Rostock im Mai 2011, als ihn die Liberalen zum Vorsitzenden wählten. Wenn überhaupt. Als das „erste in Asien geborene Kabinettsmitglied“ wird Rösler in der Aula vorgestellt. Er soll die Ehrendoktorwürde der Universität verliehen bekommen. Auf der Bühne wird Rösler ein schwarzer Talar angelegt und ein Doktorhut aufgesetzt. Der Moderator bittet eine Studentin, „den schönen Blumenstrauß“ zu überreichen. Blitzlichtgewitter. Lauter Beifall. Rösler baumelt die Quaste vor dem Gesicht.

In der Wirtschaftsuniversität spricht Rösler später über „Bedeutung und Chancen der sozialen Marktwirtschaft“. Hinter ihm thront ein goldener Ho Chi Minh, daneben die rote Fahne mit dem goldenen Stern. Hier referiert Rösler über die „sieben Grundprinzipien Ludwig Erhards“, über Privateigentum, darüber, dass „der Staat nicht der bessere Unternehmer“ ist. In Deutschland versucht Rösler, das Profil der FDP zu schärfen. In der Heimat bleibt der Erfolg bisher aus, in Hanoi gibt es positive Resonanz: Rösler erhält frenetischen Beifall der Studenten. Die offiziellen Repräsentanten nicken immerhin höflich, auch als Rösler sagt: „Wirtschaftliche Freiheit gibt es nicht ohne gesellschaftliche Freiheit.“