Kommentar

Obamas Scherbenhaufen

Clemens Wergin über die Angriffe von arabischen Extremisten auf Einrichtungen der USA

Auf den ersten Blick erscheint es wie ein Film, den wir in den vergangenen Jahren unzählige Male gesehen haben: Muslime regen sich weltweit über irgendwelche Machwerke aus dem Westen auf, von denen hier niemand je gehört hat. Und dann gehen sie auf die Straße und hauen alles kurz und klein. Nur dass diesmal auch vier amerikanische Botschaftsangehörige im libyschen Bengasi sterben. Auch die Botschaften in Kairo und im Jemen wurden angegriffen. Inzwischen haben die Amerikaner weitere Truppen und Kriegsschiffe in die Region entsandt. Eine internationale Krise also, weil die arabische Volksseele wieder einmal übergekocht ist?

Die Proteste sind keineswegs ein spontaner Ausbruch des Volkswillens, vielmehr wurden sie, nach allem, was man bisher weiß, von radikalen Elementen gezielt geschürt und genutzt. Der widerliche Videoclip auf YouTube ist nur ein Anlass wie jeder andere, der von den Salafisten und anderen Radikalen genutzt wird. Die Methode kennt man. So war es schon bei den Mohammed-Karikaturen, die zunächst auch in der muslimischen Welt niemandem aufgefallen waren, bis radikale Muslime aus Europa in die muslimische Welt reisten, um den Kulturkampf zu entfachen. Ganz offensichtlich waren die Angriffe auf die US-Vertretungen in Kairo und Bengasi von den Salafisten organisiert, eine von Katar und Saudi-Arabien unterstützte islamistische Bewegung, die noch weit radikaler ist als die Muslimbrüder und die viele Berührungspunkte mit al-Qaida aufweist. Die Salafisten sind in der arabischen Welt die am schnellsten wachsende Gruppe. Sie haben bei der Wahl in Ägypten aus dem Stand ein Viertel der Stimmen geholt, sind aber dennoch in Kairo und in Libyen nicht an die Macht gekommen. Nun tun sie das, was in Revolutionen oft passiert: Sie wollen sich mit Gewalt nehmen, was sie auf demokratischem Weg nicht erreichen. Eine auf Gewalt getrimmte gesellschaftliche Abschreckungsmacht.

Das Mittel, mit dem die Salafisten versuchen, Konsens zu erzielen, ist Antiamerikanismus, Israelfeindschaft und Feindschaft zum christlichen Abendland im Allgemeinen. Und das sind die alten Reflexe, die in vielen arabischen Gesellschaften leider noch immer viel zu leicht abrufbar sind. So erklärt sich die nur lauwarme Verurteilung der Kairoer Unruhen durch Präsident Mohammed Mursi in Ägypten. Der Muslimbruder hat offenbar Angst, dass seine ebenfalls dem Westen gegenüber feindliche Partei von den Salafisten rechts überholt wird.

US-Präsident Barack Obama steht nun vor dem Scherbenhaufen seiner Nahost-Politik. Er hat wie kein Präsident vor ihm um die arabische Welt geworben und sich nach anfänglichem Zögern auch deutlich auf die Seite der demokratischen Revolutionen gestellt – zuletzt etwa, indem Washington die Machtübergabe an Mursi und den Abgang der alten Generalsgarde in Ägypten beförderte. Er hat dabei in Kauf genommen, alte enge Verbündete wie Israel, Saudi-Arabien und das ägyptische Militär zu brüskieren. Und nun wendet sich ein Teil der befreiten Gesellschaften gegen einen ihrer Geburtshelfer. Eine bittere Bilanz für Obama.