Buchveröffentlichung

Von Opfer zu Opfer

Lafontaine und Schäuble überlebten Attentate. Nun kommentiert der Linkspolitiker ein Buch über den Angriff auf den Finanzminister

Oskar Lafontaine, ein Jahr jünger als der fast 70-jährige Wolfgang Schäuble, hat auf dem Podium schon die ganze Zeit bei der Erwähnung der Attentate begonnen, seine Finger zu bewegen. Ihm zur Seite sitzen der „Stern“-Autor Hans Peter Schütz und Jakob Augstein, Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“. Ihm zu Füßen sitzen rund 100 Zuhörer. Der ehemalige Bundesfinanzminister Lafontaine stellt an diesem Donnerstagsabend Schütz‘ Buch über den amtierenden Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vor, das ist der Anlass für sein Hiersein.

Der eigentliche Anlass aber ist, dass das Attentatsopfer Lafontaine ein Buch über das Attentatsopfer Schäuble kommentiert. Weil das Buch überwiegend von den Folgen des Attentats für den Politiker und die Familie Schäuble handelt, dreht sich auch das Podiumsgespräch oft darum, und jedes Mal setzen sich Lafontaines Finger in Bewegung. Mal krümmt und streckt er nur den kleinen Finger, mal spielt er stakkatogleich auf einer imaginären Klaviatur – unmerklich, fast elegant, aber immer dann, wenn das Thema auf die Geschehnisse im April und Oktober 1990 kommt.

Am 12. Oktober streckte ein geistig Verwirrter Schäuble mit Pistolenschüssen nieder. Am 25. April hätte eine geistig Verwirrte Oskar Lafontaine mit einem Messerstich um Haaresbreite getötet. Beide Male war es Abend, beide Male geschahen die Attentate auf einer Wahlveranstaltung, und nun sitzt Lafontaine hier wieder auf einem Podium in diesem höhlenartigen Raum, schwarz verhängt an der Bühnenseite, schlammbraun an den Seitenwänden.

22 Jahre sind eine kurze Zeit, wenn es um Nahtoderfahrung geht. Nein, sagt Lafontaine, sein Fall sei nicht mit Schäuble vergleichbar. „Ich bin ja relativ schnell wieder auf die Beine gekommen.“ Die Attentäterin, fügt er auf Augsteins Frage hinzu, habe ihm aus der psychiatrischen Anstalt schriftlich um Verzeihung gebeten.

„Und?“, fragt Augstein, „haben Sie ihr geantwortet?“ Lafontaine zögert unmerklich. „Ich habe“, sagt er dann, „mich im Laufe meines politischen Lebens viel mit sozialpsychologischen und psychologischen Themen beschäftigt und gelernt, dass so etwas wie eine Fixierung entstehen kann, wenn man auf Anfragen reagiert.“

Nein, er habe dann nicht persönlich geantwortet. Er habe einen Mitarbeiter einen Brief schreiben lassen des Inhalts, Oskar Lafontaine betrachte das Geschehnis als Krankheitsfolge, nicht als Verbrechen. „Ich habe dann nicht wieder etwas gehört. So weit ich weiß, ist sie noch immer in psychiatrischer Behandlung.“ Lafontaine sagt das wie beiläufig hingeworfen, doch der Ton legt nahe, dass es damit auch hier im Berliner Theater nun seine Bewandtnis haben möge.

Er ist sehr bald nach dem 12. Oktober 1990 zu Schäuble gefahren, mitten im Bundestagswahlkampf, und allein deswegen sitzt er jetzt auf der Theaterbühne. Wegen des Wolfgang Schäuble, den er dann traf. Hinter Lafontaines nassforsch klingenden Duktus verbirgt sich eine sorgsam versteckte Fähigkeit zu intensivem persönlichem Mitgefühl, das teilt sich den Zuhörern in diesem Moment mit, auch dann, wenn sie politisch ganz anderer Auffassung sind als der heimliche Chef der Linkspartei.

Schäuble also habe gebeten, zu dem Besuch keine Presse mitzubringen. „Nichts lag mir ferner als das.“ Ein sardonisches Lächeln blitzt bei ihm auf. „Das war aber nicht ganz einfach, denn ich war im Zug unterwegs, mit einem Haufen Fotografen und Kamerateams.“ Es war ja Bundestagswahlkampf. „Es ist mir dann gelungen, wegzukommen.“ Wie, sagt er nicht. Er fährt fort, und die Stimme klingt gänzlich verändert: „Es war eine eindrucksvolle, wirklich menschliche Begegnung. Er im Bett, ich auf einem Stuhl.“ Es war eine der eindrucksvollsten Begegnungen seines politischen Lebens, lässt Lafontaine durchblicken. Er vermeidet das Wort „Bewunderung“. Aber er hätte es gern benutzt, das merkt man.

Hans Peter Schütz gibt in seinem Buch schonungslose, erschütternde Auskunft über den damaligen Zustand Schäubles. Schütz beschreibt, wie Schäuble keine drei Wochen nach dem Attentat mit zwei „Spiegel“-Journalisten ein Buchprojekt über die deutsche Einheit begann. Wie er dabei kaum sprechen konnte, den Mund voller Klammern und Metall; wie er im überheizten Krankenzimmer ständig fror und mitten im mühseligen Gespräch in Ohnmacht fiel; dass er oft weinte.

Es ist ein eher schmales, enervierend nüchtern geschriebenes und deshalb umso wirkungsvolleres Buch – eine Charakterstudie über einen Menschen und seine Familie nach einem Schicksalsschlag. Zum ersten Mal spricht Ingeborg Schäuble darüber, wie es ist, als Ehefrau mit einem Attentat fertigzuwerden.

Sie hat sich in einen Rollstuhl gesetzt, um zu erfahren, wie das ist, in einem Rollstuhl zu sitzen. Sie hat gewusst, dass ihr Mann, sollte er die Komplikationen überleben, umso unerbittlicher Politik machen würde. Ihr Mann hat es ihr sehr bald gesagt, als er wieder halbwegs sprechen konnte. Es ist kein Buch für Weinerliche. Es ist ein Buch über vermiedenes Selbstmitleid und vermiedene Wehleidigkeit.

Es gibt einen menschlichen Anknüpfungspunkt. Es gibt sogar eine ganze Menge davon; zeitweise sieht es an diesem Abend so aus, als habe Schäuble in Lafontaine seinen besten Verteidiger. Was das heißen solle, empört sich der Linkspolitiker, Schäuble hätte nach 1994 den Aufstand gegen Helmut Kohl wagen sollen? Lafontaine ereifert sich. Wie einige eigentlich dazu kämen zu sagen, das nicht getan zu haben, sei Feigheit? „Das ist zu hart. Im Rollstuhl schafft man einen solchen Kraftakt nicht.“

Lafontaine wird fast zornig über Schäubles Kritiker. Er sagt dann später, das Podiumsgespräch ist beim Euro angekommen: „Ich teile und respektiere uneingeschränkt Kohls und Schäubles europapolitische Überzeugungen.“ Schäuble leiste, sagt Lafontaine, in der Euro-Krise eine „Herkulesarbeit“. „Ich kann das ein bisschen beurteilen.“ Lafontaine lässt sich nicht vom Zischeln im Publikum beeindrucken, einem Publikum, das offenbar teilweise zu seiner Partei gehört.

Das Gefühl für die eigene Verletzlichkeit bleibt, hatte Lafontaine vorhin auf die Frage gesagt, ob die Erfahrung des Jahres 1990 vollständig verschwunden sei. Man lernt offenbar, damit zu leben. Lafontaines Lächeln freilich zeigt, dass das manchmal viel Kraft erfordert.