Anschlag

Islamisten auf Rachefeldzug durch Bengasi

Wegen eines Mohammed-Films stürmen Libyer das US-Konsulat und töten den Botschafter

Auf der Homepage der US-Botschaft im libyschen Tripolis taucht noch in einer Endlosschleife wichtiger Presseverlautbarungen die Gratulation von Außenministerin Hillary Clinton „an das libysche Volk zur Konstituierung der demokratisch gewählten Nationalversammlung“ auf, und diese Meldung wird abgelöst von einem Bericht über die Wiedereröffnung der Konsularabteilung am 27. August, bei der Botschafter Chris Stevens zitiert wird mit den Worten: „Meine Einladung heute an die Libyer lautet: ‚Ahlan wasahlan bikum.‘ Sie sind willkommen in den USA, und diese Tür führt dorthin.“

Am Dienstagabend wurde der Botschafter zusammen mit drei weiteren amerikanischen Diplomaten in Bengasi getötet, als mutmaßlich islamistische Extremisten die dortige US-Vertretung stürmten. Laut Augenzeugenberichten entfernten die Angreifer zunächst die amerikanische Flagge, plünderten das Konsulat und steckten das Gebäude dann in Brand. Das überforderte libysche Wachpersonal soll sich bereits nach den ersten Schüssen davongemacht haben, die Angreifer waren gut bewaffnet, setzten Panzerfäuste und Sturmgewehre ein. Abdelmonoem al-Horr vom Sicherheitsrat des Innenministerium hatte später bestätigen müssen, dass das Konsulat von einem nahe gelegenen Bauernhof mit Boden-Boden-Raketen beschossen worden sei.

Dem Fernsehsender al-Dschasira sagten Anwohner, bewaffnete Islamisten hätten auch die Zufahrtstraßen blockiert. Auf Bildern und Videos sind in der Umgebung des Gebäudes zahlreiche Feuer zu sehen, dichte Rauchschwaden liegen über der Szene.

Zunächst hieß es, ein amerikanischer Diplomat sei bei dem Angriff ums Leben gekommen. Später wird die Zahl der Todesopfer auf vier korrigiert, darunter ist auch der Botschafter Christopher Stevens. Er ist der fünfte US-Botschafter, der im Dienst getötet wird. Ob der langjährige Diplomat den Folgen einer Rauchvergiftung erlag oder sein Konvoi auf der Flucht angegriffen wurde, blieb zunächst unklar.

Der libysche Nationalkongress äußerte seine „Entrüstung über den Angriff“, und Vizepremier Mustafa Abu Schagur kondolierte den USA über Twitter: „Ich verurteile den feigen Angriff auf das US-Konsulat und den Mord an Herrn Stevens und den anderen Diplomaten.“ Im Vorfeld gab es heftige Proteste gegen einen umstrittenen US-amerikanischen Film, der den Islam und den Propheten Mohammed auf krude Weise veralbert und angreift.

Gehässiger Propagandafilm

Ob die Kundgebungen gegen den Film erneut aufflammen könnten, ist unklar. Im Jahr 2005/2006 wurden bei zahllosen Protestaktionen aufgebrachter Muslime gegen Karikaturen des Propheten, die in einer dänischen Zeitung erschienen waren, mehr als 100 Menschen getötet.

Dabei ist der Skandalfilm „Unschuld der Muslime“ bisher nicht einmal offiziell erschienen und wurde erst ein einziges Mal in einem amerikanischen Kino vor einem nur halb gefüllten Saal gezeigt. Seit Juli ist auf YouTube ein englischsprachiger Trailer für den Film zu sehen, der aber zunächst keine Aufmerksamkeit erregte. Erst als eine arabische Übersetzung erschien, nahm das Unheil seinen Lauf. Die Filmemacher zeigten sich „erschüttert“.

Die bisher bekannten Ausschnitte zeugen von einem gehässigen und schlecht produzierten Propagandafilm, der das Leben des Propheten Mohammed scheinbar satirisch, doch vollkommen humorlos nacherzählt. Mohammed wird als idiotischer Lüstling dargestellt, ein vom Massenmord begeisterter Trottel mit sexuellen Vorlieben für Kinder und Männer.

Noch immer ist nicht klar, wer für das Machwerk verantwortlich ist. Zunächst hieß es, Terry Jones sei der Urheber. Das ist jener fundamentalistische Pfarrer aus Florida, der alljährlich mit seinen Versuchen Aufsehen erregt, den Koran öffentlich zu verbrennen. Dann berichtete das „Wall Street Journal“, der Streifen sei in Wahrheit von einem israelisch-amerikanischen Immobilienhändler produziert worden. Sam Bacile habe nach eigenen Angaben von 100 jüdischen Spendern fünf Millionen Dollar für die Produktion gesammelt und den zweistündigen Film im vergangenen Jahr in Kalifornien in Eigenregie gedreht. Im Gespräch mit der Zeitung bezeichnet Bacile den Islam als eine hasserfüllte Religion: „Der Islam ist wie ein Krebsgeschwür.“

Doch am Mittwoch kamen Zweifel an der Identität des Mannes auf. Ein christlicher Aktivist, der an dem Filmprojekt beteiligt war, erklärte, Bacile sei ein Pseudonym und der Mann weder Jude noch Israeli. Eine Gruppe von im Nahen Osten geborenen Amerikanern hätten an dem Film mitgearbeitet. Israelischen Kreisen zufolge gibt es im Land auch keinen Eintrag über einen israelischen Staatsbürger namens Bacile.

Bei der Verbreitung der Ausschnitte war wohl Morris Sadek, ein im Exil lebender Angehöriger der koptischen Minderheit in Ägypten, maßgeblich beteiligt.

Auch wenn eine Eskalation des Volkszorns über den beleidigenden Film durchaus plausibel erscheint, bleiben zum Tathergang besonders in Libyen doch Fragen: Schließlich gehören Lenkraketen und Sturmgewehre nicht zur Grundausstattung bei spontanen Kundgebungen. Der stellvertretende libysche Innenminister Wanis al-Scharif vermutet, Kämpfer des alten Regimes von Muammar al-Gaddafi hätten die Situation ausgenutzt. Bei einer Pressekonferenz sagte er, es könne sich um einen Racheakt für die Auslieferung des ehemaligen Geheimdienstchefs Abdullah al-Senussi aus Mauretanien gehandelt haben. Auch die Frage, ob und inwieweit es sich um eine koordinierte Aktion der Angreifer gehandelt haben könne, ist ungeklärt. Schließlich gibt es wohl kein symbolträchtigeres Datum für einen Anschlag auf amerikanische Diplomaten als den 11. September.

Auch in Kairo kam es in der Nacht vor der Botschaft zu heftigen Protesten gegen den Skandalfilm. Als gegen Mitternacht die meisten Demonstranten den Anweisungen der Sicherheitskräfte Folge geleistet und sich auf den Weg nach Hause gemacht haben, wehte im Innenhof der wie eine Festung gesicherten US-Botschaft nicht mehr die amerikanische Flagge, sondern das muslimische Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet“, steht auf der schwarzen Flagge.

Dabei hat die amerikanische Regierung noch versucht, sich von dem Film zu distanzieren: „Wir weisen mit aller Deutlichkeit die Handlungen jener zurück, die das universelle Recht auf freie Meinungsäußerung missbrauchen, um die religiösen Überzeugungen anderer zu verletzen“, heißt es in einer um Versöhnung bemühten Stellungnahme.

Vergeblich: Ein Sprecher der regierungsnahen Muslimbruderschaft fordert eine offizielle Entschuldigung der US-Regierung, außerdem müssten die Vereinigten Staaten den Islam besser schützen. „Das ist keine Frage der Meinungsfreiheit“, sagt Mahmud Goslan. Es gehe nun mal um „ein heiliges Symbol des Islam“.

Und so bekundeten bald Hunderte vor der Botschaft in Sprechchören ihre Bereitschaft, für die Ehre des Propheten ihr Leben lassen zu wollen. Das muslimische Glaubensbekenntnis ziert als Graffiti die Mauer, jemand hat den Namen „Bin Laden“ daneben gesprüht. Kleinere Gruppen skandierten „Wir sind alle Osama“ und auf einigen Plakaten wird das Terrornetzwerk al-Qaida gefeiert – ausgerechnet am 11. September, elf Jahre nachdem die Organisation bei Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon 3000 Menschen getötet hatte.

Die Zeitung „al-Masri al-Youm“ zitiert einen Demonstranten namens Wahid Junis mit den Worten, der Film bedrohe die „spirituelle Sicherheit“ der Muslime ebenso, wie die Vereinigten Staaten immer ihre „nationale Sicherheit“ gefährdet sähen.