Leitartikel

Nicht der elegante Weg

Hajo Schumacher über die Diskussion um das Erinnerungsbuch von Ex-First-Lady Bettina Wulff

Wie bearbeitet die klassische deutsche First Lady ein öffentliches Geraune? Über Johannes Rau war Bösartiges im Umlauf. Christina Rau hat weise geschwiegen. Oder Eva Julia Köhler. Sie hätte abrechnen können mit Kanzlerin und Medien. Würdevolle Ruhe. Und wie hätte eine Dame von Welt pikante Gerüchte mit Stil gekontert? Sie hätte beiläufig erwähnt, dass ihr eine Hure mit Herz allemal lieber sei als eine höhere Tochter voller Niedertracht. Bettina Wulff hat keinen eleganten Weg gewählt. Sie bestätigt den Verdacht von einst, dass es Menschen gibt, die ein Amt darstellen und andere, die es ausfüllen.

Natürlich bleibt es ihr gutes Recht, Erinnerungen zu veröffentlichen. Es hätte ein kluges Werk werden können über die Einsamkeit da oben, über Ränke der Macht, über das miese Treiben von digitalen Psychopathen.

Dazu hätte es wohl etwas Nachdenkzeit gebraucht, vielleicht nicht ausgerechnet eine Co-Autorin, die das emotionale Werk „Kinder sind unser Leben“ der Maschmeyer-Gefährtin Veronika Ferres zu Papier brachte, womöglich eine ruhigere Bücherschmiede. Keine Frage, die Kollegen vom Riva-Verlag sind die Stars der Bücherbranche, sie donnern ihre Werke in die Welt, zuletzt den öffentlichen Alzheimer des früheren Schalke-Managers Rudi Assauer, während andere Verlage noch artig um Besprechnungen im Feuilleton kämpfen.

Die juristischen Händel mit dem Internet-Giganten Google darf man ebenso zum Marketing-Feuerwerk rechnen wie den Konflikt mit Günther Jauch, den sich die Deutschen mal zum Bundespräsidenten wünschten. Boulevard und TV treiben die Besteller für einen schnelldrehenden Markt, der Bücher wie Wegwerfartikel frisst. Wichtigste Marketing-Bedingung, für Assauer wie Wulff: zitable Süffigkeiten. „Ich habe nie als Escort-Lady gearbeitet“ ist gut, denn nun ist eine Peinlichkeit wieder publik, die schon damals vor allem Diskretion verdient gehabt hätte.

Der kalkulierte Krawall passt zum Überlauten, das die Wulffs stets umgab: Deutschlands schillerndster Selfmademan Maschmeyer, Deutschlands schillerndster Party-Veranstalter Schmidt, Deutschlands schillerndster Filmproduzent Groenewold und nun eben Deutschlands schillerndster Verlag mit Deutschlands schillerndster Nicht-Escortlady.

Als Freund mittelguten Entertainments könnte man Sympathie hegen für die Wulff-Show, so wie man die Geissens für ihre Eindeutigkeit schätzt. Leider vergeben Autorin und ihr vermutlich korrekturlesender Gatte die Chance auf einen moralischen Pluspunkt. Denn die Wulffs werfen eben jene Sorte Stinkbomben zurück, von denen sie sich selbst getroffen fühlten. So wird im Buch geraunt, dass allerlei Indiskretionen aus der niedersächsischen CDU stammten. Gegen das Verbreiten eben jener Sorte Fiesheiten hat sich Frau Wulff juristisch völlig zu Recht gewehrt. Ein paar Namen und Belege hätten genügt, um einen Skandal auszulösen, der dieses Etikett auch verdient. Mit anonymen Andeutungen aber bleiben die Wulffs sich und ihrem Mikrokosmos auf gespenstische Weise treu.