Studie

Schlechte Bildungschancen in Deutschland

OECD: Nur jeder Fünfte schafft einen höheren Abschluss als die Eltern

Ein sozialer Aufstieg mit besserer Bildung ist in Deutschland nach wie vor schwer. Das zumindest behauptet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem neuen Bildungsbericht, wonach immer noch 22 Prozent der jungen Menschen in der Bundesrepublik nicht das Bildungsniveau ihrer Eltern erreichen. Nur 20 Prozent der Jüngeren schaffen einen höheren Bildungsabschluss, als ihn Vater oder Mutter besitzen. Im Schnitt der anderen wichtigen Industrienationen sind dies dagegen 37 Prozent. Und nur 13 Prozent fallen dort unter das Bildungsniveau ihrer Eltern zurück.

Besonders Großbritannien, Frankreich, aber auch Italien und Polen verzeichnen im weltweiten Vergleich der OECD hohe „Bildungsaufsteiger-Raten“. Beim Gesamtbildungsniveau wird Deutschland aus Sicht der Autoren des Berichts gegenüber anderen Industriestaaten in den nächsten Jahren weiter zurückfallen.

Den Bildungsauf- oder -abstieg hat die OECD in ihren Bildungsberichten bisher nicht berücksichtigt. Die Bundesregierung kritisierte ihn als unausgereift. In ihrer Argumentation bedeutet ein Bildungsabschluss unter dem Niveau der Eltern keinen „Abstieg“. Tatsächlich fließt das in Deutschland sehr erfolgreiche berufliche Bildungssystem, das es in kaum einem anderen Land in dieser Form gibt, seit Langem nur sehr begrenzt in die OECD-Betrachtung ein. Berufe, die hierzulande in einer Ausbildung erlernt werden können – etwa Optiker oder Mechatroniker – werden in anderen Staaten im Rahmen eines Studiums vermittelt. Ein britischer Jugendlicher etwa, der Optiker wird und Kind von Akademikern ist, bleibt in der Logik der OECD also auf dem gleichen Bildungsniveau, ein deutscher würde als Absteiger gewertet.

Während der Süden Europas – vor allem Spanien – derzeit eine hohe Jugendarbeitslosigkeit verzeichnet, ist in Deutschland die Ausbildungs- und Beschäftigungssituation für Jüngere in den Krisenjahren weitgehend stabil geblieben. Der Anteil der 15- bis 29-Jährigen, die in der Bundesrepublik ihre Schule bereits verlassen haben und sich weder in Beschäftigung noch in einer Weiterbildungsmaßnahme befinden, liegt mit zwölf Prozent deutlich unter dem OECD-Schnitt von 15,8 Prozent. Die absolute Zahl dieser sogenannten jungen Bildungsverlierer zwischen 15 und 29 beläuft sich in Deutschland auf knapp 1,7 Millionen.

Bei der Steigerung der Studentenzahl bescheinigt die OECD Deutschland „moderate Fortschritte“. So würden nach jüngsten Schätzungen wohl 42 Prozent aller jungen Menschen im Verlauf ihres Lebens ein Studium beginnen. 1995 waren dies erst 26 Prozent. Die Zahl der erfolgreichen Hochschulabsolventen stieg in Deutschland im gleichen Zeitraum von 14 auf 30 Prozent eines Altersjahrgangs. Im Schnitt der OECD-Staaten lag die Quote allerdings deutlich höher. Demnach stieg der Anteil der Studienanfänger zwischen 1995 und 2010 von 37 Prozent auf 62 Prozent. Die Quote der erfolgreichen Hochschulabsolventen kletterte im weltweiten Schnitt von 20 Prozent auf 39 Prozent.

Beim Gesamtbildungsniveau dürfte Deutschland, so die OECD-Forscher, im internationalen Vergleich weiter zurückfallen. Der Grund dafür ist aus ihrer Sicht, dass andere Länder ihr Hochschulsystem bereits früher und deutlich schneller ausgebaut haben. Ein Hochschulstudium gilt der OECD allerdings als Maß aller Dinge. Ob die Absolventen damit auch am Arbeitsmarkt erfolgreicher sind, wird in der Studie nicht bewertet.

In Deutschland wenden Staat, Wirtschaft und Privatpersonen nach der OECD-Übersicht 5,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung auf. Im OECD-Schnitt sind es 6,2 Prozent.