Barack Obama

"Ihr habt das geschafft"

Der US-Präsident wirbt auf dem Parteitag der Demokraten um eine zweite Amtszeit für sich

Die Hoffnung spricht zuletzt: Barack Obama hat die Demokraten zum Abschluss der National Convention in einer kämpferischen und oft pathetischen Rede auf schwere Zeiten eingestimmt und mit einer zugleich optimistischen Botschaft in den Endspurt des Präsidentschaftswahlkampfes geschickt. Es gehe nicht nur um eine "Entscheidung zwischen zwei Kandidaten oder zwei Parteien. Es geht um eine Entscheidung über zwei unterschiedliche Wege für Amerika und um zwei fundamental unterschiedliche Visionen für die Zukunft", rief ein von 23.000 Anhängern umjubelter Obama am Freitagabend in Charlotte (North Carolina).

"Ich möchte nicht so tun, als sei der Weg, für den ich stehe, schnell oder einfach. Das habe ich nie getan. Aber ihr habt mich nicht gewählt, damit ich erzähle, was ihr hören wollt. Ihr habt mich gewählt, damit ich euch die Wahrheit erzähle." Ganz am Anfang seines gut halbstündigen Auftritts sagte Obama: "Michelle, ich liebe dich so sehr." Er dankte damit seiner Frau nicht nur für ihre leidenschaftliche Rede vom Dienstagabend, einem frühen Glanzlicht des Parteitags. Sie habe ihn daran erinnert, "wie glücklich ich bin". Den Teenager-Töchtern Malia und Sasha, die den Abend miterleben durften, beschied der Präsident: "Ihr macht mich stolz - und, ja, ihr müsst morgen zur Schule."

Der bisweilen humorige, zumeist aber ernsthafte und mahnende Auftritt des Präsidenten bildete den dramaturgischen Höhepunkt des Nominierungsparteitags - und er war auch ein rhetorisches Meisterstück. Obama ist zwar bekannt als elektrisierender Redner, und diese Fähigkeit sprechen ihm nicht einmal die Republikaner ab. Aber bei seiner Annahme der Nominierung für die Präsidentenwahl am 6. November war die Latte ausgesprochen hoch gelegt. Am Vorabend hatte Ex-Präsident Bill Clinton, der bislang nicht als Freund seines Nachnachfolgers galt, in einer fulminanten Rede für Obamas Wiederwahl getrommelt, die Delegierten zu Beifallsstürmen animiert und sich als loyaler Verbündeter bewiesen.

600.000 neue Arbeitsplätze

Hinter diesem Auftritt durfte Obama nicht erkennbar zurückbleiben - und er tat es nicht. Obama umriss die Probleme des Landes, skizzierte seine Lösungspläne und griff die Republikaner als konzeptionslos an. Er bat um seine Bestätigung im Amt, um die Reformen fortzusetzen. "Die Zeiten haben sich geändert - und ich mit ihnen", sagte er im Rückblick auf den Wahlkampf 2008. Er präsentierte sich als gereifter Staatsmann, der an großen Zielen festhält. 600.000 Arbeitsplätze werde er schaffen allein durch die verstärkte Förderung von Erdgas, 100.000 zusätzliche Mathematiklehrer einstellen und die sozialen Sicherungssysteme bewahren.

Obama warb um eine ganze Reihe von Wählergruppen: um Frauen, um die Mittelklasse, um Soldaten und Veteranen, um Umweltschützer, Kleinunternehmer, Homosexuelle und Latinos. Er versprach den Ausbau alternativer Energien und Maßnahmen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes, denn "der Klimawandel ist kein Schwindel".

Obama verwies auf Fortschritte: Er habe, wie versprochen, die Truppen aus den Irak heimgeholt, werde 2014 den Krieg in Afghanistan beenden, Osama Bin Laden sei tot und al-Qaida nahezu besiegt. Seinen Herausforderer Mitt Romney griff der Präsident scharf an. Die Republikaner würden ihre eigenen politischen Pläne nicht vorlegen, aber sie wollten zurück zu den Rezepten der Vergangenheit, die zum wirtschaftlichen Niedergang geführt hätten. Außenpolitisch sei sein "Kontrahent" in der Zeit des Kalten Krieges stehen geblieben. Er selbst wolle hingegen die heimische Produktion wieder ankurbeln und über neue Produkte "made in America" die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Damit werde die "Nation der Träumer", wie Obama unter Anspielung auf den amerikanischen Traum formulierte, wieder vorankommen, "vorwärts", entsprechend dem Motto seines Wahlkampfes.

Ein wichtiges Stilmittel in Obamas Rede war das "you", "Ihr habt das geschafft", sagte er immer wieder, wenn er Fortschritte seiner ersten Legislaturperiode zur Gesundung der Ökonomie, zur Reform des Gesundheitssystems oder zur Akzeptanz homosexueller Soldaten aufzählte. "You did that, you did that, you did that", rief er an einer Stelle aus. Das war einerseits das Signal der Demut gegenüber dem Wähler - und andererseits der Appell an seine Anhänger, ihn auch weiterhin zu unterstützen. Das dankbare Publikum reagierte mit Sprechchören: "Four years more, four years more", skandierte es seine Forderung nach weiteren vier Jahren für Obama im Weißen Haus.

Und diese Schlachtrufe setzten sich an vielen Stellen Charlottes fort, in Kneipen und Restaurants und in mehreren großen Sälen des nahegelegenen Convention Center. Denn eigentlich hatte Obama im nicht überdachten Sportstadion von Charlotte sprechen wollen, in das 75.000 Zuschauer gepasst hätten. Doch wegen der Dauerwolkenbrüche war Obamas Auftritt in die Halle verlegt worden. Dort hinein passen maximal ein Drittel der vorgesehenen Besucher, und für die übrigen Anhänger, von denen bereits viele angereist waren, hatte die Partei Liveübertragungen auf übergroßen Bildschirmen organisiert. Der Andrang war gewaltig und entkräftete Spekulationen, die Parteiführung habe den Auftritt im Stadion gescheut, weil man die dortigen Plätze möglicherweise nicht hätte füllen können.

Der letzte Tag in Charlotte hatte mehr als einen Hauch von Hollywood. Schauspielerinnen wie Scarlett Johansson, Eva Longoria und Kerry Washington riefen zur Wiederwahl Obamas auf. Marc Anthony sang den "Star Spangled Banner" und James Taylor "Carolina in My Mind". Am Ende des mitreißenden Abends feierten sich die Demokraten ausgiebig. Die First Lady und Sasha und Malia eilten zum Präsidenten auf die Bühne Die Arena schwelgte im Jubel. Die Demokraten haben einen weitgehend pannenfreien Parteitag absolviert. Die nächste Aufgabe, die Wiederwahl Obamas, wird schwieriger.