Spitzenkandidatur

Das Comeback der Renate Künast

Die Chefin der Bundestagsfraktion gibt sich siegessicher im Wettstreit um Spitzenkandidatur

- Der Ton macht die Musik - und er macht auch deutlich, wer die Musik spielen will. Nämlich Renate Künast. Das zeigte sich in dieser Woche, als die Grünen einen Vorschlag aus ihrer eigenen Bundestagsfraktion abwürgten. Gekommen war der Vorschlag von deren verkehrspolitischem Sprecher, Stephan Kühn. Der hatte eine Abwrackprämie von 50 Euro für die Verschrottung eines alten Fahrrads und den Kauf eines neuen gefordert.

Dass dies nicht der Meinung der Grünen-Fraktion entspricht, wurde auf deren Klausurtagung in Hannover rasch deutlich. "Das ist eine absurde Idee, die ich nicht verstehe", putzte sie Kühns Fahrrad-Vorschlag herunter. Kaufzuschüsse würden die Grünen höchstens in solchen Bereichen fordern, in denen es, wie etwa bei Kühlschränken, erhebliche Unterschiede zwischen Alt- und Neugeräten bei der Umweltverträglichkeit und Energieeffizienz gebe. Aber das sei ja hier nicht der Fall: "Das alte Fahrrad", so Künast, "ist genauso umweltverträglich wie das neue." Thema erledigt.

Man kann bei Renate Künast vom grünen Comeback des Jahres sprechen. Politisch fast erledigt nach dem missratenen Berlin-Wahlkampf 2011, schien sie im sommerlichen Grünen-Streit über die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2013 völlig chancenlos zu sein. Doch jetzt, da sie wider Erwarten doch ihre Bewerbung für die Basis-Urwahl über das Spitzen-Duo eingereicht hat, tritt sie selbst- und machtbewusst auf, als sei nichts gewesen. Sei es, weil sie die Nach-Berlin-Kritik als ungerechte Beleidigung empfand, die sie nicht auf sich sitzen lassen wollte. Sei es, weil sie in der verkrampften Realo-Suche nach einer Künast-Ersatzfrau eine Bestätigung für ihre eigene Unersetzbarkeit sah. Sei es, weil sie die Macht behalten und ihr politisches Lebenswerk krönen will. Wer stand in der ersten Reihe, als sich die Fraktion zum Gruppenbild versammelte? Nein, nicht der andere Chef, nicht Jürgen Trittin. Der platzierte sich mit der Souveränität des selbstverständlichen Chefs in der letzten Reihe. In die erste Reihe und noch dazu in die Mitte stellte sich Renate Künast.

Sie hat gute Chancen, nach der Urwahl weiter vorn zu stehen. Es gibt eine Umfrage unter Grünen-Mitgliedern, wonach Künast vor den beiden anderen Kandidatinnen Claudia Roth und Katrin Göring-Eckardt den zweiten Platz hinter Trittin und so die ersehnte Position im Duo erreichen wird.

Als sie in Hannover gefragt wurde, wie sie sich im Kandidatenwettbewerb so fühle, da verhedderte sie sich nicht im Satzbau wie sonst schon mal bei persönlich-kniffligen Themen, sondern sagte einfach: "Mir geht's gut." Die Fraktion hat sie hinter sich. Schon deshalb, weil sie bei den internen Beratungen freundlich, gut gelaunt und zuvorkommend agierte.

Und wie auf dem Präsentierteller servierten ihr die Abgeordneten in größter Einmütigkeit zwei Wahlkampfthemen, die wie gemacht scheinen für sie: den Einsatz gegen Massentierhaltung und Antibiotika-Einsatz in deutschen Ställen. Sowie die Verbindung von Ökonomie und Ökologie, die Sicherung von Arbeitsplätzen durch neue Technologien, worüber die Abgeordneten mit VW-Vorstandsmitglied Horst Neumann diskutierten. Man blicke, so Künast, "durchaus kritisch auf die Automobil industrie", wisse aber auch, dass dort sozial gut abgesicherte Jobs erhalten würden und man im Übrigen "Fahrzeuge mit Rädern" benötige, "um von A nach B zu kommen". Künast fühlt sich bei Diskussionen mit Managern wohl, weil die Grünen sich da als wirtschaftsnah geben und "nicht nur Ansprechpartner, sondern auch Impulsgeber" für Elektromobilität und vernetzte Verkehrssysteme sein können.

Offen blieb da nur eine Frage: Wie hatte man während des grünen Spitzenkandidatengezerres eigentlich auf die Idee kommen können, dass andere als Künast und Trittin die Partei in den Wahlkampf führen sollten? Das haben die beiden doch schon 2009 gemacht.