Familienpolitik

Kinderkriegen als erste Bürgerpflicht

Singapurer bekommen kaum noch Babys. Ein Ministerium soll nun für Nachwuchs sorgen

- Ein Rap-Song mit sexy Botschaft ist in Singapur zum Nationalfeiertag zur Internet-Sensation geworden: "Lass uns unsere Bürgerpflicht tun, ... Kindermachen, komm, wir schauen nicht Feuerwerk, wir machen es!" heißt es in dem Werbesong einer Kaubonbon-Marke. Von "lustig" bis "peinlich" reicht die Palette der Reaktionen, doch Kichern reicht nicht: Singapur braucht mehr Babys. Die Regierungspartei von Staatsgründer Lee Kuan Yew versucht seit Jahren, die Bürger zur Fortpflanzung zu ermuntern, mit wenig Erfolg. Jetzt wird ein Ministerium für Familienentwicklung geschaffen.

"Wenn wir so weitermachen, können wir einpacken", wetterte der 88-jährige Lee jüngst. "Wir können es doch nicht Zugewanderten überlassen, unseren sozialen Ethos zu definieren." Die Bevölkerungszahl ist zwar von vier Millionen im Jahr 2000 auf 5,2 Millionen im Jahr 2011 gestiegen, doch liegt das überwiegend an den Zuwanderern. Die Geburtenrate mit 1,2 Kindern pro Frau gehört zu den niedrigsten der Welt. Das Volk paart sich nicht.

Die Regierung hat es vergeblich mit behördlicher Eheanbahnung, Single-Klubs, Tanzschulen und Speed-Dating probiert. Auch ein "Babybonus" von 6500 bis 14.000 Euro hat daran nichts geändert. Das Geld ist auch rasch weg, aufgefressen etwa von Privatunterricht, damit es der Nachwuchs in die begehrte Eliteschule schafft und beruflich erfolgreich wird. Der Leistungsdruck fängt schon im Kindergarten an. Darauf setzt auch Baby-Spa, ein Wellness-Tempel für die Kleinsten. "Jedes Kind ist ein Genie, solange es in warmem Wasser trainieren kann", frohlockt die Web-Seite - 40 Euro kostet ein Testbad mit Massage.

Hinzu kommt: Viele junge Frauen in Singapur sind mittlerweile gut ausgebildet und selbstbewusst. Sie haben wenig Lust, Heimchen am Herd zu sein, wie es vielen Männern noch vorschwebt. Sie wollen lieber arbeiten gehen und Spaß haben. Auf Spaß setzt auch der Drops-Werbespot, der über soziale Netzwerke verbreitet wurde: "Ich bin ein patriotischer Ehemann, du bist meine patriotische Frau, yeah-ah". Ich raube Dir den Atem mit einem Boom." Der Song ist eine Persiflage auf die Schmuselieder und -videos, die die Regierung in Auftrag gibt. Er nennt die Dinge beim Namen.

Um das Problem anzupacken, gibt es nun das neue Ministerium, das Familiengründungen fördern soll. Die Singapurer verstehen sehr wohl, dass die Geburtenrate steigen muss. Aber sie wissen auch: Was gut für das Land ist, muss noch lange nicht gut für sie selbst sein.