Syrien

Brutales Katz- und Mausspiel

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Alfred Hackensberger

Rebellen und Regierungstruppen liefern sich erbitterte Kämpfe um Damaskus. Die Bevölkerung fürchtet ein Blutbad

- Maschinengewehrknattern dröhnt durch die Straßen. Ein Hubschrauber kreist über den Häusern - plötzlich wird er von einer Salve getroffen. Er beginnt zu brennen und fällt vom Himmel. Ein Feuerball, der eine pechschwarze Rauchschwade wie einen langen Leine hinter sich nach unten zieht. Dann ist Ruhe. "Der Hubschrauber flog den ganzen Morgen über den östlichen Teil von Damaskus und schoss unaufhörlich", sagte Abu Baker, ein Mitglied der Opposition gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. "Mehr als eine Stunde versuchten die Rebellen ihn abzuschießen und plötzlich war es soweit." Vom Abschuss ist ein Video im Internet zu sehen.

Die Kämpfer der Freien Syrischen Armee haben nicht immer soviel Glück. Mit ihren 114-Millimeter-Geschützen, von denen sie nur wenige besitzen, gleicht es einem Zufall, wenn sie einen Treffer landen. Seit dem mittlerweile 17 Monate andauernden Bürgerkrieg ist es der erste Hubschrauberabschuss. Ansonsten konnten die Rebellen noch ein Kampfflugzeug in der Nähe von Deir al-Zour zur Rückkehr auf ihre Militärbasis zwingen. Die MIG-23 hatte an einem Flügel Feuer gefangen.

Die FSA verfügt noch nicht über moderne Abwehrraketen und sind so den Angriffen der syrischen Luftwaffe schutzlos ausgeliefert. Mitte Juli hatten die Rebellen einen groß angelegten Angriff in der Hauptstadt gestartet, der das Ende des Regimes einleiten sollte. Nach anfänglichen Erfolgen mussten sie sich jedoch aus dem Regierungsviertel, das man besetzen wollte, zurückziehen. Das Regime hatte zum ersten Mal die 4. Panzerdivision eingesetzt. Eine Eliteeinheit, die unter dem Oberbefehl von Präsident Assads jüngerem Bruder Maher steht. Er soll zwar beim Attentat der Rebellen auf die Zentrale der nationalen Sicherheit ein Bein verloren haben, aber seine Truppe hat nichts an Funktionstüchtigkeit eingebüßt. Sie soll mit ungeheuerlicher Brutalität vorgehen. Verstümmelungen und Exekutionen von Oppositionellen gehören angeblich zu ihrem täglichen Handwerkszeug.

Derweil erhöht Frankreich den Druck auf Assad: Staatspräsident François Hollande drohte mit einer militärischen Intervention, sollte der Machthaber chemische Waffen einsetzen.

Zusammen mit anderen Armeeeinheiten jagt die 4. Division die FSA von Stadtteil zu Stadtteil. Ziel ist es, die Hauptstadt zu "befrieden" und auch die "aufrührerischen" Vororte erneut unter Kontrolle zu bekommen. Bisher hatte die syrische Armee die Rebellen zwar aus verschiedenen Vierteln vertrieben. Jedoch konnte sich die FSA nach kurzer Zeit woanders wieder neu ordnen. Ein Katz- und Mausspiel, das sich nun schon seit einem Monat hinzieht. Die Regimetruppen wollen in Damaskus endlich eine Entscheidung erzwingen.

Die neuen Angriffe in Jobar gelten der Nachschubbasis der FSA. Von diesem im nordöstlichen Teil Damaskus gelegenen Viertel soll Munition an die in der Hauptstadt kämpfenden Einheiten verteilt werden. "Der Abschuss des Helikopters ist eine Rache für Daraja", meinte Omar al-Qabuni vom Badr-Bataillon. In Daraja wurden rund 320 Tote gefunden, darunter auch Frauen und Kinder. Die lokalen Organisationskomitees der Opposition sprachen von einem neuen Massaker des Regimes. "Die zivilen Shabiha-Milizen sind in Mordmaschinen verwandelt worden, die das Volk und die Zukunft Syriens bedrohen." Das syrische Observatorium für Menschenrechte (SOHR) in London berichtete von Leichenfunden auf "Feldern, in Kellern und Schutzräumen sowie auf den Straßen."

Die syrische Armee hatte Daraja, das südwestlich von Damaskus liegt, drei Tage lang bombardiert. Danach schickte man offensichtlich Bodentruppen in die von 200.000 Sunniten bewohnte Stadt. Sie begannen mit der Suche nach Rebellen und zogen von Haus zu Haus. Das schreckliche Resultat präsentierten Oppositionsaktivisten auf Videos im Internet: Lange Reihen von verschmorten und blutigen Körpern auf dem Friedhof. Andere waren in den Räumen der Moschee von Daraja aufgestapelt wie Teppichrollen. Viele der Opfer sollen zusammen exekutiert und danach verbrannt worden sein. Bisher sind rund 200 Leichen, darunter 15 Frauen und 14 Kinder, identifiziert worden. Ein Massaker, das erneut internationale Entrüstung und Forderungen nach einem militärischen Eingreifen provozieren dürfte. Paulo Pinheiro, der Vorsitzende des UN-Menschenrechtsrats sagte, der Vorfall könnte ein Kriegsverbrechen darstellen.

Das syrische Regime zeigte ein völlig anderes Bild. "Unsere heroischen Truppen säuberten Daraja von bewaffneten terroristischen Gruppen, die Verbrechen gegen die Söhne der Stadt begangen haben." Der Pro-Regierungsfernsehsender al-Dunia zeigte Interviews mit Bewohnern und traumatisierten Kindern. Selbst Bilder von einigen Leichen in den Straßen waren zu sehen. Der Kommentator gab jedoch "Terroristen" die Schuld für die blutigen Vorfälle.

Im Rahmen eines Besuchs des Vorsitzenden des außenpolitischen Ausschuss des iranischen Parlaments betonte Präsident Assad erneut die offizielle Linie: "Was gerade passiert, ist nicht nur ein gegen Syrien, sondern eine gegen die gesamte Region gerichteter Plot." Der Vertreter Irans betonte, sein Land werde zu seinen "syrischen Brüdern" stehen. "Ihre Sicherheit ist unsere Sicherheit", versicherte Aladin Borujerdi, der auch Assads Stellvertreter Faruk al-Scharaa, traf. Es war der erste öffentliche Auftritt des sunnitischen Spitzenpolitikers seit mehr als einem Monat. Die Rebellen hatten behauptet, al-Scharaa habe zu fliehen versucht und stehe unter Hausarrest.

Wie in Damaskus verstärken Regimetruppen auch in anderen Landesteilen ihre Angriffe auf Stellungen der Rebellen. Besonders betroffen war erneut Aleppo. Dort wird verstärkt auf den Einsatz der Luftwaffe gesetzt. Alles, was als Bedrohung erscheint, wird beschossen oder bombardiert. Dazu zählt auch die einzige noch funktionierende Klinik.

Erfolge konnte die syrische Armee mit der Rückeroberung von drei christlichen Stadtteilen vermelden. "Das waren die schrecklichsten Tage unseres Leben", berichtete Sonia, die Frau eines wohlhabenden Geschäftsmannes der Industriemetropole. "Wenn wir unser Haus nicht wie eine Festung gebaut hätten, wären wir tot." Die "befreiten" christlichen Viertel liegen in der Altstadt von Aleppo und zählen unter normalen Umständen zu den Touristenattraktionen.

Hunderte Menschen, die meisten davon Armenier, bejubelten die syrische Armee auf den Straßen. Für die Christen ist Assad ein Garant für ihre Sicherheit, der sie vor den "Horden extremistischer Islamisten schützt". In einigen Regionen, besonders in der Stadt Homs und Umgebung, wurden Christen von der FSA systematisch vertrieben und Opfer von Gräueltaten. In den christlichen Vierteln von Aleppo hat die Bevölkerung "Volkskomitees" aufgestellt. Sie sind zum Teil bewaffnet und bewachen strategisch wichtige Gebäude, um eine Rückkehr der Rebellen zu verhindern. Der Bürgerkrieg in Syrien folgt nicht mehr politischen Linien. Er ist längst von ethnischen und religiösen Dimensionen geprägt. Gegenseitige Ressentiments stauen sich auf und können jederzeit in ein Blutbad münden.