Diplomat

Chinas neuer Botschafter lernte schon als Kind Deutsch

Deutsche Diplomaten, die als neue Botschafter in andere Staaten entsandt werden, beherrschen selten die Sprache ihrer Gastländer.

- Chinesische Missionschefs, die nach Europa oder Deutschland geschickt werden, sind meist besser vorbereitet: Nicht nur Pekings neuer Mann in Berlin, Shi Mingde, spricht perfektes Deutsch. Auch alle in seiner Familie können es, von seiner Frau Xu Jinghua bis zu seinem Sohn. Selbst die Schwiegertochter lernt die Sprache. "In meiner Familie fühlen sich eben alle Deutschland verbunden", sagt der 57-Jährige der Berliner Morgenpost. Er brauche daher keine Eingewöhnungszeit für seinen neuen Job: "Ich kann sofort loslegen, um unsere Beziehungen noch intensiver zu entwickeln."

Shis Karriere begann vor einem halben Jahrhundert. Chinas legendärer Außenpolitiker Tschou En-lai regte damals das Experiment an, Fremdsprachenschulen in China zu gründen, die speziellen Sprachunterricht für Schüler schon ab der dritten Klasse organisierten, um eine Generation sprachkundiger Diplomaten auszubilden.

Shi, der mit seinen Eltern von Shanghai nach Peking umsiedelte, gehörte als einer der Ersten dazu. 1964 wurde der Neunjährige in das Sonderprogramm der Pekinger Fremdsprachenschule aufgenommen und lernte Deutsch.

Das Pekinger Außenministerium schickte Shi im November 1972 nach Ost-Berlin. In den späten 70er und 80er Jahren arbeitete er in der chinesischen Botschaft in der DDR. Bis vor wenigen Wochen war Shi Botschafter in Österreich. "Im Mai hatten meine Frau und ich noch Staatspräsident Heinz Fischer und seine Frau Margit beim Wandern in den Bergen begleiten dürfen." Solche vertrauten Umgangsformen möchte er auch in Deutschland pflegen. Er werde einem "offenen und ehrlichen Dialog" nicht ausweichen, auch nicht über heikle Themen wie die Menschenrechte. "Ich fürchte mich nicht vor kritischen Fragen."