Syrien

Aus der Hölle Aleppos

Unser Reporter hat erst vor wenigen Stunden die syrische Metropole verlassen. Er erlebte, wie Assads Bomber Jagd auf die Bürger machen

- Zuerst ist es nur ein bedrohliches Surren und ein kreisender brauner Punkt am Himmel. Dann stößt das Flugzeug im Tiefflug auf die Stadt nieder und ein dunkles Rauschen dröhnt heran. "Mig, Mig", ruft mir der Besitzer eines Lebensmittelladens im Stadtteil Sahur der Millionenstadt Aleppo zu und zeigt mit dem Finger nach oben.

Das ist nicht ganz korrekt, denn bei den Maschinen, mit denen die syrische Luftwaffe ihre Bürger terrorisiert, handelt es sich um Jagdbomber vom Typ Suchoi. Die Bordkanone feuert eine kurze Salve von 23-Millimeter-Projektilen über die Straße, die beim Aufprall detonieren. Die Explosionen reißen die Fassade und die Seitenwand eines zweistöckigen Hauses, nur 500 Meter von uns entfernt, nieder. Die oberste Etage und das Dach existieren nicht mehr. Doch niemand wird verletzt, das Haus stand leer. Eigentlich wollte der Pilot wohl das gegenüberliegende Gebäude treffen, eine ehemalige Schule, wo die oppositionelle Freie Syrische Armee (FSA) ihre bisherige Kommandozentrale in der umkämpften Millionenmetropole Aleppo aufgeschlagen hat. Am Tag zuvor sind hier Bomben niedergegangen und haben zwei Wohnhäuser zerstört. Elf Menschen sind allein dabei umgekommen. Ein Augenzeuge hat mir das Foto eines Blindgängers gezeigt. Kein Zweifel: Das Regime zögert nicht, sein Volk zu bombardieren. Überall in Aleppo beschießt die Luftwaffe die Rebellen und alles in ihrer Nähe.

Doch die Menschen im Viertel Sahur scheinen die allgegenwärtige Todesgefahr zu verdrängen: "Kein Problem", sagt der Geschäftsbesitzer, als das die Maschine abdreht. "Das Flugzeug wird noch einige Kreise fliegen, bevor es wieder kommt." Eine Menschenmenge sammelt sich vor dem Haus, obwohl das Surren oben am Himmel weitergeht. Jeder hier weiß, dass die Suchoi gleich wiederkommen wird. Mit ein paar Anwohnern laufe ich zur nächsten Straßenecke und gehe in Deckung. Wieder das kurze Knattern aus den Bordkanonen und die Explosionen.

Lärm der Todesflieger

Diesmal ist es ein Volltreffer. Die äußere Mauer und das Hauptgebäude der Rebellenzentrale ist getroffen. Einige Tote liegen am Treppeneingang. Helfer haben kaum Ruhe, um nach Verletzten zu suchen und die Zerstörungen zu begutachten. Die Suchoi kreist wieder über unseren Köpfen. Die Szenerie mit dem Lärm der Todesflieger im Hintergrund ist unwirklich: Nur eine Parallelstraße weiter sitzen Männer auf dem Gehsteig und trinken Tee. Andere verhöhnen gut gelaunt Präsident Baschar al-Assad. "Den Hals muss man ihm abschneiden", sagt ein junger Student, und fährt sich gleich dreimal hintereinander quer mit der Hand über den Hals. Ein anderer erzählt, man habe am Vortag Plünderer gefasst, die sich an den bombardierten Häusern zu schaffen machten und an der Rebellen-Zentrale. Ohnehin haben die Rebellen nach dem Bombenangriff vom Vortag schon begonnen, ein neues Hauptquartier in einem anderen Stadtviertel aufzubauen.

Doch der Pilot der Suchoi scheint nach dem Volltreffer erst mal zufrieden, jedenfalls wird das Motorengeräusch leiser und verschwindet. Doch dann höre ich, wie die Rotoren eines Hubschraubers durch die Luft mähen. Ich hebe den Kopf und sehe ihn direkt über mir, in großer Höhe. Ich suche an einer Hauswand Deckung und finde einen Hauseingang mit Betonvorsprung über dem Türsturz. Ein guter Platz. Der Helikopter feuert aus einem Automatik-Geschütz, aber Einschläge sind nicht zu hören. Der junge Student neben mir schüttelt lachend den Kopf. "Ach, die können nicht einmal schießen." Doch vermutlich haben die Bordschützen einfach etwas anderes ins Visier genommen.

Trotz des Schusslärms marschiert eine ältere Frau völlig ungerührt die Straße entlang, mitten auf der Fahrbahn. Sie trägt eine Plastiktüte voll frischer Feigen. Sie bleibt vor mir stehen und beginnt zu klagen. Sie ertrage den Krieg nicht mehr, sagt sie. Nachts könne sie kein Auge mehr zu machen. Tränen laufen ihr über die Wangen. Ihr Gesicht ist kreidebleich und sie zittert am ganzen Körper. "Und alles nur wegen diesem Baschar al-Assad. Der Teufel soll ihn holen, so schnell wie möglich." Ein Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite hält wieder die Hand an die Gurgel und ruft: "Kopf abschneiden."

Endlich winkt Abulabid, mein Begleiter von der FSA. Wir können weiterfahren. Er hat es in all diesem Chaos fertiggebracht, Benzin zu finden. Als wir das neue Rebellenhauptquartier erreichen, kreist auch dort schon eine Suchoi im Himmel. Doch Abulabid bleibt gelassen. Ob wir hier nicht einen Tee trinken wollen? Ich dränge ihn wieder in den Wagen zu steigen. Wir fahren zum Krankenhaus, wo in Minuten-Abständen Krankenwagen vorfahren.

Familien auf der Flucht

Ein Junge von vielleicht 12 Jahren wird auf einer Bahre im Laufschritt in die Notaufnahme gebracht. Er liegt auf dem Bauch, sein Rücken ist blutüberströmt. Ein Einsschussloch scheint über der Hüfte zu liegen. "Man weiß es nie", sagt einer der Helfer. "Es kann auch ein Grantsplitter sein." Am Montag seien insgesamt 120 Verwundete eingeliefert worden, die meisten Zivilisten. 15 Tote habe man gezählt. "Märtyrer", sagt der Pfleger, bevor er zur nächsten Ambulanz läuft.

Seit dem vergangen Wochenende hat die syrische Armee ihren Beschuss von Aleppo intensiviert. Die Hauptleidtragenden sind Zivilisten, nicht die Stellungen der FSA, die es eigentlich treffen sollte. Überall kann ich Familien beobachten, die ihr Hab und Gut auf Kleintransporter laden oder schon aus der Stadt unterwegs sind. Im Gegensatz vor einer Woche, sind weit weniger Geschäfte geöffnet. Auch der Verkehr hat sichtlich nachgelassen, obwohl viele der gelben Taxis Aleppos noch arbeiten. Die Angst vor dem bevorstehenden Endkampf um Aleppo, für den das syrische Regime angeblich 20.000 neue Soldaten angekündigte, treibt auch die letzten Bewohner aus der Stadt.