Umstrittene Ruderin

Politiker nehmen Nadja Drygalla in Schutz

Rechtsextremismus: Ruderin will ihre Karriere fortsetzen. Demokratiebekenntnis für Sportler diskutiert

- Als Konsequenz aus dem Fall Drygalla fordert die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns klare Richtlinien von Sport und Politik für die Anforderungen an deutsche Olympiateilnehmer. "Und wir sind der Meinung, dass eine Beziehung allein nicht reicht, sondern dass es auf den Menschen selbst ankommt, was er getan hat", sagte Regierungschef Erwin Sellering (SPD) nach einer Kabinettssitzung in Schwerin. Die Ruderin Nadja Drygalla hatte wegen ihrer Beziehung zu dem früheren Rostocker NPD-Landtagskandidaten Michael Fischer die Olympischen Spiele in London vorzeitig verlassen.

Nadja Drygalla will ihre Karriere fortsetzen und sucht dazu den Kontakt zum Deutschen Ruderverband. Die Athletin wolle sportlich und beruflich dort anknüpfen, wo sie aufgehört habe, sagte der in Hannover tätige Sportrechtler Rainer Cherkeh, der die Ruderin seit ihrer Rückkehr aus London vertritt, am Dienstag.

Der mecklenburgische Innenminister Lorenz Caffier (CDU) wies Vorwürfe zurück, er habe den Sportverbänden Informationen zum Privatleben der heute 23-Jährigen aus dem Deutschland-Achter der Frauen vorenthalten. Diese seien stets im Bilde gewesen.

Nach Ansicht Sellerings war die Olympia-Nominierung vertretbar. "Erkenntnisse, dass sie persönlich aktiv rechtes Gedankengut vertritt, gibt es nicht", hob er hervor. Auf ihre Beziehung zu Fischer angesprochen, hatte Drygalla bereits im vergangenen Jahr ihre Ausbildung bei der Landespolizei abgebrochen und war aus der Sportfördergruppe ausgeschieden. Anschließend hatte sie sich mit deutlichen Worten von der rechten Szene distanziert.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hatte sich am Montag in London kritisch zum Umgang mit der Ruderin geäußert. "Steht es uns als Öffentlichkeit eigentlich wirklich zu, den Freundeskreis von Sportlerinnen und Sportlern zu screenen, zu gucken, was da los ist?" fragte der CDU-Politiker. Im Fall Drygalla sehe er eine Grenze überschritten.

Auch Caffier äußerte Bedenken: "Die Frage ist berechtigt. Hat die Öffentlichkeit das Recht, dass wir das gesamte Umfeld von Menschen in Spitzenfunktionen ausleuchten, dass wir Gesinnungsschnüffelei machen? Wir sagen: Nein." Auch Sellering kritisierte die Behandlung der Ruderin, Drygalla sei nach ihrer Abreise aus London dem "Mediensturm" überlassen worden.

SPD-Innenexperte Sebastian Edathy warnt vor einer Sippenhaft. Wenn Drygalla nicht selbst in der rechtsextremen Szene agiere, sei es eine Privatangelegenheit, mit wem die Rostockerin liiert sei, sagte Edathy im Deutschlandfunk. "Wo kommen wir eigentlich hin in Deutschland, wenn wir sozusagen die privaten Liebschaften von einzelnen Bürgern, die selber nicht irgendwie was mit Extremismus zu tun haben, die jetzt im konkreten Fall auch gar nicht mehr im öffentlichen Dienst sind, zum Gegenstand öffentlicher Debatten zu machen?"

Unterdessen erwägt das Bundesinnenministerium die Aufnahme eines "Demokratiebekenntnisses" in die Förderrichtlinien für Spitzensportler. Entsprechende Überlegungen gebe es bereits seit Ende 2011, sagte ein Ministeriumssprecher am Dienstag in Berlin. Die Diskussionsprozess sei aber "noch nicht abgeschlossen", auch seien die Überlegungen keine Reaktion auf den Fall Drygalla. Das Ministerium widersprach damit der "Leipziger Volkszeitung", die eine Verbindung zwischen den Plänen und dem Fall Drygalla nahegelegt hatte.

Die erklärte Abkehr von Drygallas Lebensgefährten Michael Fischer gibt unterdessen Rätsel auf. In einem Interview hatte Fischer gesagt, er sei kein Neonazi mehr. Und anders als gemeinhin dargestellt, habe er bereits vor den Olympischen Spielen keinen "großartigen Kontakt mehr zu Leuten, die damit zu tun hatten". Außerdem habe seine rechtsextreme Einstellung die Beziehung zu der Ruderin belastet.

Kaum war das Interview veröffentlicht, wurde es in antifaschistischen Kreisen in Zweifel gezogen. Schließlich sei Fischer eine zentrale Figur der "Nationalen Sozialisten Rostocks" gewesen. Noch am 30. Juni hatte er einen Beitrag auf der rechten Internetseite "MUPINFO" veröffentlicht. Nun erschien auf der Seite ein Beitrag über den Ausstieg Fischers aus der rechten Szene - und das Wort Ausstieg setzten die Autoren in Anführungszeichen. Warum? Ist er also doch nicht ausgestiegen? Sind seine öffentlichen Aussagen allein taktisch motiviert? Der Inhalt des Textes könnte diesen Schluss nahelegen.