Konflikt

Flucht seit Monaten geplant

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Assads Premier setzt sich aus Syrien ab. Rebellen sehen in Abgang ein Bröckeln der Regierung

- Dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad entgleitet offenbar immer stärker die Kontrolle. Als bislang ranghöchster Regierungsvertreter lief Ministerpräsident Riad Hidschab zu den Rebellen über und setzte sich nach Jordanien ab - nur drei Wochen nachdem vier Mitglieder von Assads innerstem Machtzirkel bei einem Anschlag getötet worden waren. Überdies seien drei weitere Minister aus Syrien geflohen, sagte Ahmad Kassim von der Freien Syrischen Armee (FSA) am Montag. Unterdessen wurde auf die Zentrale des syrischen Staatsfernsehens in der streng bewachten Innenstadt der Hauptstadt Damaskus ein Bombenanschlag verübt.

Die Hintergründe der Flucht Hidschabs waren zunächst noch undurchsichtig und auch sein genauer Aufenthaltsort war nicht bekannt. Sein Sprecher Mohammed Otari sagte aber am Montag in der jordanischen Hauptstadt Amman, der Ministerpräsident habe sich von dem "terroristischen Regime" abgewandt und sei von nun an ein "Soldat in dieser gesegneten Revolution". Er befinde sich gemeinsam mit seiner Familie und sieben seiner Brüder an einem "sicheren Ort". Demnach sei die Flucht aus Syrien "monatelang" geplant und mithilfe der FSA umgesetzt worden. Wer die übrigen Minister waren, die Syrien verlassen haben sollen, war zunächst nicht bekannt.

Der jordanische Informationsminister Samih Maajtah stritt ab, dass der Ministerpräsident in sein Land übergelaufen war. Ein zweiter jordanischer Regierungsvertreter sagte hingegen, Hidschab habe sich mit seiner Familie nach Jordanien abgesetzt, werde aber von dort aus nach Katar oder in die Türkei weiterreisen. Sollten sich die Berichte vom Überlaufen des Ministerpräsidenten bestätigen, wäre das ein weiterer Beweis dafür, dass das Assad-Regime bröckle, sagte ein Vertreter des US-Außenministeriums.

Der oppositionelle Syrische Nationalrat (SNC) feierte die Abkehr Hidschabs von Assad. "Er hat endlich erkannt, dass dieses Regime ein Feind seines eigenen Volkes ist und dazu bestimmt ist, gestürzt zu werden", sagte SNC-Sprecher George Sabra. Das werde auch andere hochrangige Vertreter der Regierung zum Überlaufen bewegen. Zuvor hatte das syrische Staatsfernsehen die Entlassung Hidschabs gemeldet. Vor knapp zwei Monaten hatte Hidschab, ein früherer Landwirtschaftsminister, den vornehmlich repräsentativen Posten des Regierungschefs übernommen. Assad hatte ihn nach den Parlamentswahlen Ende Juni ernannt. Damals habe ihn das Regime vor die Wahl gestellt, den Posten zu übernehmen oder getötet zu werden, sagte Otari laut Al Dschasira. Zu Hidschabs Nachfolger wurde dem syrischen Fernsehbericht zufolge sein bisheriger Stellvertreter Omar Ghalawandschi berufen. Das syrische Staatsfernsehen dementierte Berichte, wonach es sich bei einem der ebenfalls geflüchteten Kabinettsmitglieder um Finanzminister Mohammad Dschlailati handelte.

Wenige Stunden zuvor wurde in Damaskus ein Bombenanschlag auf das Hauptquartier des staatlichen syrischen Fernsehens verübt. Dabei wurden nach Angaben des Senders mindestens drei Angestellte verletzt. Die Explosion erschütterte den dritten Stock des Gebäudes, in dem auch das staatliche Radio untergebracht ist. Informationsminister Omran al Subi machte Katar, Saudi-Arabien und Israel für den Anschlag verantwortlich. "Nichts kann die Stimme Syriens und des syrischen Volkes zum Verstummen bringen", sagte al Subi. Syrien wirft den Golfstaaten und Israel vor, die Rebellen in ihrem Kampf gegen die Regierung von Präsident Assad zu unterstützen. Mehrfach kam es zu Anschlägen in Damaskus. Das Attentat wirft Fragen darüber auf, wie groß die Kontrolle der Regierung über die Hauptstadt tatsächlich ist. Mit Blick auf die Geschäftsmetropole Aleppo sprachen die Staatsmedien von einer bevorstehenden Entscheidungsschlacht. 25.000 Soldaten sollen Stellung bezogen haben.

( dapd )