Arabische Israelis

"Ich liebe Israel und ich liebe Palästina"

Arabische Israelis zwischen Gleichberechtigung und Hochverrat: Leben zwischen zwei Fronten

- Nadim Nashif ist nur ungern Israeli. "Im Jahr 1948 wurden wir Araber gezwungen, die israelische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Seither werden wir systematisch diskriminiert", sagt Nashif, Direktor von Baladna, einer arabischen Jugendorganisation mit Sitz in der israelischen Stadt Haifa. Ruhig zählt Nashif Beispiele aus Bildung, Politik und Wirtschaft auf, die seiner Meinung nach die Benachteiligung arabischer Staatsbürger belegen. Ein Thema versetzt den hageren Mann mit der sanften Stimme jedoch in Rage: die Idee, arabische Jugendliche fortan zum Zivildienst zu verpflichten.

Es gärt in Israel: Der Mittelstand ist frustriert, dass die sozialen Unterschiede immer weiter auseinandergehen, und demonstriert für Gleichheit. Ein Fokus richtet sich dabei auf zwei Minderheiten: Ultraorthodoxe, rund acht Prozent der Israelis, und Araber, etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Säkulare Israelis wollen den Staat nicht mehr allein tragen und fordern, auch Religiösen und Arabern die Last der Wehrpflicht und Steuern aufzuerlegen. Seit dem 1. August gilt die Wehrpflicht auch für Orthodoxe, zumindest theoretisch. Später sollen arabische Jugendliche verpflichtet werden, "Nationaldienst", wie Zivildienst hier genannt wird, zu leisten: als Feuerwehrmänner, Altenpfleger oder Hilfspolizisten.

Seit 2007 besteht für arabische Jugendliche die Möglichkeit, sich freiwillig zum Nationaldienst zu melden. Das tun jährlich rund 2000, sehr zum Unmut ihrer politischen Führung. "Wir sind absolut dagegen", wettert Nashif. "Der Nationaldienst wird vom Verteidigungsministerium organisiert. Im Ernstfall unterstehen die Freiwilligen der israelischen Armee. So werden sie Teil der Kriegsmaschine gegen unsere arabischen Brüder!" Zivildienst als Weg zum Hochverrat.

Mohammed, der gerade seinen Zivildienst im Rambam-Krankenhaus in Haifa beendet hat, kennt diesen Vorwurf. "Als bekannt wurde, dass ich Zivildienst leisten will, wurde ich im Dorf als Verräter beschimpft. Dabei würde ich nie eine Waffe zur Hand nehmen. Im Krankenhaus helfe ich doch auch Arabern, die hier genauso behandelt werden wie Juden", sagt der 21-Jährige. "Ich bin kein Verräter!", sagt auch der 19 Jahre alte Adham. "Ich liebe Palästina und ich liebe Israel. Warum nicht beide? Israel ist ein guter Staat", sagt Adham und schiebt gleich ein Beispiel hinterher: "Ich habe eine hervorragende Ausbildung genossen. Man muss doch nur auf Nachbarstaaten wie Ägypten schauen, um zu sehen, wie gut es uns geht. Ich wurde nie diskriminiert."

Persönliche und nationale Motive bewegten Adham und Mohammed, "Nationaldienst" zu leisten. "Ich glaube nicht, dass die Juden unser Land gestohlen haben. Ich habe vom Staat Israel sehr viel bekommen", sagt Adham. "Wenn ich diene, bekomme ich auch etwas zurück. Hier zollt man mir Respekt, später zahlt der Staat das erste Studienjahr."

"Der Zivildienst hat mein Leben verändert. Ich habe mehr Selbstvertrauen, bin viel erfahrener geworden", sagt Mohammed. Beide haben ihr Hebräisch verbessert, das werde im Studium helfen, sagen sie. Oft bewegen finanzielle Vorteile arabische Jugendliche dazu, Zivildienst zu leisten. Rund 90 Prozent der arabischen Zivis sind Frauen. Für sie ist es oft die einzige Möglichkeit, ihr Haus zu verlassen und unabhängig zu sein. Im arabischen Sektor sind nur etwa 15 Prozent der Frauen erwerbstätig.

Adham und Mohammed berichten aus erster Hand vom geistigen Wandel, den Nashif kritisiert. "Meine Weltanschauung hat sich hier grundlegend verändert", sagt Mohammed. "Bevor ich herkam, kannte ich nur die arabische Sichtweise. Jetzt habe ich auch die andere Seite kennengelernt. Heute fühle ich mich gleichwertig. Und Adham sekundiert: "Ich glaube, dass alle Araber Zivildienst leisten sollten."