Ermittlungen

Organ-Skandal auch in Regensburg

Gesundheitsminister Bahr will nun auf Vorfälle reagieren

- Der Organspendeskandal hat weit größere Ausmaße als zunächst angenommen. Nach dem Universitätsklinikum Göttingen gerät nun auch die Uni-Klinik Regensburg ins Visier der Fahnder. Dort sollen von 2004 bis 2006 in 23 Fällen die Krankendaten bei Lebertransplantationen manipuliert worden sein. Nach einer Strafanzeige des Klinikums ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Hausinterne Überprüfungen hätten Hinweise auf Manipulationen bei Lebertransplantationen ergeben, sagte Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl am Donnerstag. "Wir haben das Klinikum aufgefordert, uns eine deutlich detailliertere Auflistung der aufgeführten Vorwürfe zu geben", betonte Meindl. Er schloss nicht aus, auch die Krankenakten in den betroffenen Fällen auszuwerten.

Als erste Konsequenz sei der Direktor der chirurgischen Klinik mit sofortiger Wirkung beurlaubt, erklärte Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) am Donnerstag in München. Er habe möglicherweise bei der Kontrolle des hauptverdächtigen Oberarztes versagt. Weitere Fälle seien nicht auszuschließen, sagte Heubisch.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will nun mit neuen Regeln auf den immer größer werdenden Organspendeskandal reagieren. "Unsere Fachleute arbeiten an Maßnahmen, um auf die Missstände zu reagieren", sagte ein Ministeriumssprecher. Auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sprach sich für gesetzliche Änderungen aus. Er verlangte vor allem mehr Kompetenzen für die ärztliche Selbstverwaltung, um mögliche Manipulationen aufdecken zu können. Eine staatliche Aufsicht über das Transplantationswesen, die von der CSU und den Grünen gefordert worden war, lehnt Montgomery ab.

Sowohl der Ärztepräsident als auch das Gesundheitsministerium appellierten an die Bevölkerung, weiter Organe zu spenden. "Ich kann nur darum bitten und appellieren, jetzt nicht die Konsequenz zu ziehen, keine Organe mehr zu spenden. Es gibt viele Patienten, die sind dringend auf eine Spende angewiesen. Die bekannt gewordenen Manipulationen haben nichts mit der Notwendigkeit zur Organspende zu tun", sagte der Ärztepräsident der Berliner Morgenpost.

Zuvor war bekannt geworden, dass der Skandal inzwischen die Bereitschaft beeinflusst, Organe zu spenden. In fünf Fällen hatten Angehörige eine Organentnahme mit Verweis auf die Vorgänge in Göttingen abgelehnt, sagte die geschäftsführende Ärztin für die Region Nordrhein-Westfalen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Ulrike Wirges. Sie sei betrübt, dass es einem "krummen Hund" gelinge, ein so wichtiges medizinisches Gebiet zu beschädigen.

Die Regensburger Staatsanwälte hatten bereits 2005 gegen den später nach Göttingen gewechselten Arzt ermittelt. Damals waren verbotenerweise jordanische Patienten auf eine Warteliste für europäische Transplantationspatienten gesetzt worden. Außerdem war illegalerweise eine Leber in Jordanien transplantiert worden. Die Ermittlungen waren aber eingestellt worden. Der ganze Skandal war ins Rollen gekommen, nachdem bekannt geworden war, dass der Arzt im Göttinger Universitätsklinikum in den Jahren 2010 und 2011 die Daten von Patienten manipuliert haben soll, die auf der Warteliste für Spenderorgane standen.