Justiz

Ex-Ermittler sieht Mordverdacht erhärtet

In den Fall Barschel kommt Bewegung. Nach 25 Jahren Spur eines Unbekannten an der Kleidung des Toten gefunden

- Wer kennt den Fall besser: der seit einigen Monaten zuständige neue Staatsanwalt oder sein Vorgänger, der frühere Chefermittler in diesem spektakulären Verfahren? Der eine, Thomas-Michael Hoffmann, ist aktueller Leiter der Lübecker Staatsanwaltschaft und sagt: "Das Wahrscheinlichste ist, dass Uwe Barschel Selbstmord begangen hat."

Der andere, Heinrich Wille, hat jahrelang Akten in dieser Sache angelegt, nach seiner Pensionierung ein Buch über den Fall geschrieben und sagt heute: "Ich kann nicht nachvollziehen, warum einige Fachleute immer noch davon ausgehen, dass sich Barschel umgebracht hat. Dafür gibt es aus meiner Sicht kein einziges Argument mehr. Für mich bleibt es dabei: Der Anfangsverdacht des Mordes bleibt bestehen."

Wem soll man glauben?

Am vergangenen Wochenende, fast 25 Jahre nach dem rätselhaften Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel in Genf, ist eine neue Spur bekannt geworden, die diese Frage endlich beantworten könnte. So haben Spezialisten des Kieler Landeskriminalamtes (LKA) den genetischen Fingerabdruck Barschels selbst und eines Unbekannten an der Kleidung sichergestellt, die der frühere Ministerpräsident Schleswig-Holsteins trug.

Barschel war wohl nicht allein

Eine Person hinterließ ihre Spuren auf der Strickjacke, den Socken und der Krawatte des Toten sowie auf einem Handtuch des Hotelzimmers. Die Rückstände sind noch gut genug erhalten, um sie mit möglichen Verdächtigen vergleichen zu können. Sie machen es schwer vorstellbar, dass Barschel in seinem Zimmer allein war. Das dürfte dafür sprechen, dass Wille mit seiner Mordtheorie im Recht ist.

Wille wertet die neuen Erkenntnisse jedenfalls als Beleg dafür, dass man in dem scheinbar aussichtslosen Fall eben doch noch Fortschritte machen kann - wenn man denn will. "Für mich ist die Entdeckung der DNA-Spur eines Fremden eine Bestätigung unserer damaligen Ermittlungen, wonach Barschel in der Todesnacht nicht allein in seinem Hotelzimmer war", sagte Wille dieser Zeitung. Er fordert die Lübecker Behörden auf, die Analysedaten mit Kriminaldatenbanken wie etwa der BKA-Datei für genetische Fingerabdrücke zu vergleichen. "Das ist einen Versuch wert, zumal sich für mich der Anfangsverdacht auf Mord im Laufe der Ermittlungen erhärtet hat. Das bedeutet, dass das Verfahren wieder aufgenommen werden muss, wenn es neue Erkenntnisse gibt."

Barschel wurde am 11. Oktober 1987 tot in der Badewanne seines Zimmers 317 im Genfer Hotel "Beau-Rivage" aufgefunden. Die Obduktion ergab, dass er an einer Medikamentenvergiftung starb. Seitdem häufen sich die Hinweise, dass Barschel die tödlichen Mittel nicht selbst eingenommen hat, sondern umgebracht wurde. Derzeit ruht das Ermittlungsverfahren. Es kann allerdings jederzeit wieder aufgenommen werden, wenn neue Spuren auftauchen.

Dass der Fall noch nicht gelöst wurde, liegt auch an Ermittlungspannen und Lässigkeiten der Justizbehörden. Auch im Falle der neuen DNA-Analysen mussten die Ermittler regelrecht zum Jagen getragen werden. Obwohl es schon seit Jahren Standard ist, ungeklärte Todesfälle mithilfe genetischer Analysen neu zu untersuchen, bedurfte dies im Barschel-Fall der Initiative eines Landtagsabgeordneten. Schließlich gaben die Staatsanwälte nach und beauftragten das Kieler LKA mit Tests.

Die neue Führung der Lübecker Staatsanwaltschaft tut bisher wenig. Der Behördenleiter, der Leitende Oberstaatsanwalt Thomas-Michael Hoffmann, kündigte bereits an, die DNA-Spur nicht weiter verfolgen zu wollen.

Ernsthafte Aufklärung

Aber warum stimmt eine Behörde Genanalysen zu, wenn sie unabhängig von deren Ausgang nichts unternehmen will? Kann man die Laborergebnisse einfach zu den Akten legen? Diese Entscheidung wird wohl nicht in Lübeck getroffen, sondern bei den übergeordneten Behörden: das sind die Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig und das Justizministerium in Kiel. Sie müssen erwägen, ob 25 Jahre nach Barschels Tod noch einmal ernsthafte Anstrengungen zur Aufklärung unternommen werden sollen.