Kommentar

Und Merkel ist an allem schuld

Stephanie Bolzen über die Kritik der Spanier an der harten Haltung der Deutschen in der Schuldenkrise

Es waren nicht mehr als 23 Worte, die Mario Draghi vergangene Woche in den Mund nehmen musste, damit "den Spaniern wieder Luft zum Atmen gegeben wurde". Die Nachrichtenticker liefen heiß, weil der Herr über die Europäische Zentralbank mit einer einzigen Geste wenigstens vorübergehend die Last von den überschuldeten Südländern genommen hatte. Viel zu lange hatte das nach Meinung der Iberer gedauert. Welche Wirkung Draghis Versprechen am Ende haben wird, spielt dabei ein sekundäre Rolle. Wichtig war für die Spanier, dass die Risikoaufschläge wenigstens für ein paar Tage um einige Punkte nach unten gingen und das Land etwas gelassener in den Urlaubsmonat August gehen kann. Erst im September stehen wieder Anleiheauktionen an, bis dahin darf man sich bewusst in einer trügerischen Ruhe wähnen.

Noch wichtiger aber war, dass sich das gebeutelte Land in seiner Überzeugung bestätigt fühlen konnte, dass am Ende die entscheidenden Dinge nicht in seiner Macht stehen, sondern von außen kommen müssen. Die nächsten Jahre werden sehr hart für die Spanier, sie wissen schon lange um diese bittere Wahrheit. Vielleicht hatten manche schon eine Ahnung, bevor die Immobilienblase platzte, dass der sensationelle Reichtum auf porösem Stein gebaut war. Und trotzdem vertrauten die Spanier in ihrer mediterranen Mañana-Mentalität auf die Kraft der Illusion.

Jetzt verfestigt sich in der kollektiven Meinung die Ansicht, dass alles niemals so schlimm gekommen wäre, würden "die Nordeuropäer" nicht so unbarmherzig mit den Spaniern umspringen. Mit "den Nordeuropäern" sind vor allem die Deutschen gemeint, und konkret ihre Bundeskanzlerin. Angela Merkel, so die stetig wachsende Auffassung, ist nichts genug, keine neue Sparrunde, keine weitere Steuererhebung. "Jeden Tag präsentiert sie ein neues Folterinstrument, ohne dass uns die Börsen deshalb ein wenig Luft zum Atmen ließen", wie der Autor Juan José Millás meint.

Aufmerksamkeit aber verdient dabei vor allem eine sich verfestigende Interpretation der Krise, in der sich ein klarer "victimismo" widerspiegelt, ein Identität und Kollektivität stiftender Glaube an die eigene, zumindest teilweise Schuldlosigkeit: Ja, für vieles tragen wir die Verantwortung, aber nicht dafür, dass es mit jedem Krisentag noch schlimmer wird. Der Patient liegt schon auf der Intensivstation. Anfangs gaben ihm die Ärzte immer weniger zu essen, jetzt gibt es nicht mal mehr Medikamente. Wie soll der Schwerkranke bitte schön jemals seinen Verpflichtungen nachkommen, wenn er unter den Händen seiner Gläubiger wegstirbt? Diese Auffassung wird noch verstärkt durch das Verhalten des in der Öffentlichkeit kaum mehr wahrnehmbaren Premiers Mariano Rajoy, "Berlins Pudel", der sich nach Meinung der Mehrheit kampflos dem Merkel-Mandat unterwirft.

Die Beziehung zwischen Deutschland und Spanien war immer von besonderer Sympathie geprägt. Aber der Ton wird schärfer, eine neue Bitterkeit ist in Spanien zu hören, wenn es um Deutschlands Rolle in der Krise geht.