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Holterdipolter

SPD-Chef Sigmar Gabriel wettert gegen die Banken und ist trotz und während seiner „Babypause“ auch über Twitter stets präsent

- Matthias Platzeck und Kurt Beck hat er längst überrundet, bald wird er Franz Müntefering einholen. Seit bald drei Jahren steht Sigmar Gabriel an der Spitze der SPD – und damit weitaus länger als seine drei unmittelbaren Vorgänger.

Goslar, am Montagvormittag: Sigmar Gabriel sitzt in „Henry’s Café“. Offiziell weilt Gabriel in einer Babypause, aber da noch kein SPD-Vorsitzender je eine Babypause bestritten hat, besitzt Gabriel selbst die Macht, deren Ausgestaltung zu interpretieren. Gabriel legt sie – wie fast alles – eigenwillig aus. Stärker als jeder andere aus Partei- und Fraktionsführung ist er medial präsent. Erst am Wochenende lancierte die „Bild“-Zeitung einen Acht-Punkte-Plan Gabriels, mit dem der SPD-Chef die Macht der Banken und des Finanzsektors bändigen möchte. „Investment-Banken sind eine Versprechungsindustrie zulasten der Allgemeinheit“, kritisierte er und plädierte dafür, hochspekulative Geschäfte zu verbieten, solange im Verlustfall Sparer und Steuerzahler dafür aufkommen müssten. „Bankgeschäfte müssen wieder langweilig werden“, polterte er.

Am Mittwoch kommentiert Gabriel über Twitter das Karlsruher Urteil zum Wahlrecht: „Merkel & Co. haben versucht, ein Wahlrecht zu ihren Gunsten durchzupauken.“ Gabriel spricht, schreibt, telefoniert und twittert auf allen Kanälen. Mancher Genosse betrachtet das mit Stirnrunzeln, doch Gabriel versteht diese mediale Dauerpräsenz als Auftrag und Aufgabe. Zumal er den berechtigten Eindruck hat, dass das Mitteilungsbedürfnis seiner Parteiführung, man denke nur an die immerhin fünf stellvertretenden Vorsitzenden, ausbaufähig ist.

Noch vor einigen Jahren lachte Sigmar Gabriel laut, als ihn ein Reporter während der Spargelfahrt des Seeheimer Kreises spaßhaft und leicht prustend als „Herr Bundeskanzler“ ansprach. Heute würde Gabriel dazu wohl allenfalls grinsen, wobei sein Ehrgeiz schon länger nicht mehr mit einer „Herr Bundeskanzler“-Begrüßung ironisiert worden ist. Zuweilen ist in der SPD zu hören, Gabriel kokettiere damit, er habe die Kanzlerkandidatur längst abgeschrieben – was mancher als Beleg dafür wertet, dass das Gegenteil der Fall sei. Öfter indes heißt es in der Partei, Gabriel lasse sich alle Optionen offen, er warte ab, sondiere die Stimmungslage und greife womöglich selbst zu. Andere sind überzeugt, der SPD-Chef kenne seine Popularitätswerte; schon allein deshalb werde er die Kandidatur einem seiner Rivalen, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier, antragen.

Erst einmal aber geht es Gabriel darum, die Antwort auf jene K-Frage so lange wie möglich hinauszuzögern. Bislang gelingt ihm das gut. Ob der Kandidat wirklich erst nach der niedersächsischen Landtagswahl ausgerufen wird oder bereits im Herbst – viel spricht dafür, dass Gabriel sich in der Lage befindet, den Kandidaten aus einer souveränen Position heraus zu benennen. Das ist eine Menge und unterscheidet ihn von dem einstigen SPD-Chef Beck; der 2008 gezwungen war, Steinmeier den Vortritt zu lassen.

Nein, das wird Sigmar Gabriel nicht passieren, da kann er noch so oft, wie jüngst im „Tagesspiegel“, behaupten: „Vor zehn Jahren habe ich gedacht, nichts liefe ohne mich. Heute finde ich es einfach klasse, morgens aufzuwachen und mal keinen Termin vor mir zu haben, nicht unter Druck zu stehen und den Tag im ziemlich ruhigen Takt meiner Tochter zu erleben.“

Gewiss, Gabriel hat sich seit der Übernahme des SPD-Vorsitzes im November 2009 manchen Patzer geleistet. Sein zeitweise exzessives Twittern, also das direkte Kommunizieren ohne Kontrollmechanismus, ist für einen so emotionalen Politiker wie Gabriel eine Bedrohung seiner selbst. Über 1300 Mitteilungen per Twitter hat Gabriel abgesetzt, manche Peinlichkeit war darunter, und die Konkurrenz ist wach. Vor allem aber hat er seine Partei aus dem 23-Prozent-Tal der Tränen herausgeführt, und seither ganz ordentliche Wahlergebnisse eingefahren. Die SPD stellt inzwischen acht der 16 deutschen Ministerpräsidenten; als Gabriel Parteichef wurde, waren es fünf. Ausgerechnet der sprunghafte Gabriel hat Kontinuität in der SPD ermöglicht und sich mit manchem Widersacher ausgesöhnt. Der schleswig-holsteinische SPD-Chef Ralf Stegner ist solch ein Mann, für Gabriel war er lange ein „Parteifreund“, also jemand, dem er alles und vor allem alles Böse zutraute. Heute sagt Stegner: „Gabriel hat ein sehr feines Gespür für die Partei entwickelt. Er stellt sich auf die SPD ein und repräsentiert sie exzellent.“

Die jüngste Banken-Kritik Gabriels ist ein neuer Versuch, der populären Kanzlerin etwas entgegenzusetzen.

Die SPD weiß um Merkels Beliebtheit, auch im rot-grünen Milieu. Die Sozialdemokraten bewundern die Nervenkraft der Kanzlerin und die Fähigkeit, sich als Euro-Retterin und Anwältin des deutschen Portemonnaies zu inszenieren. Das Banken-Bashing ist insofern eine Ausflucht, wie geschaffen für Gabriel, der es versteht, komplexe Dinge zu pointieren.

Vor zehn Jahren wurde Gabriel als Ministerpräsident abgewählt. Welchen Rat er Stephan Weil gebe, um „MP“ zu werden, wird Gabriel in Goslar gefragt. „Angesichts meines Ergebnisses: besser keinen“, raunt Gabriel, um es dann doch zu tun: „Am Ende nicht nervös werden.“ In gut einem Jahr ist Bundestagswahl. Nervös wirkt Sigmar Gabriel eher nicht.