Biogas-Anlagen

Das vermaiste Land

Neue Studie warnt vor weiterem Ausbau von Biogas-Anlagen - Konkurrenz um Biomasse

- Es ist so gut gemeint. Die Bundesregierungen fördern seit Jahren den Bau von Biogasanlagen und hoffen, mit dieser einen Maßnahme mindestens zwei Probleme gleichzeitig lösen zu können: Sie wollen den Landwirten neue Einkommensquellen erschließen und zugleich auch noch das Klima schützen. Doch im Ergebnis gibt es eine ganze Reihe neuer Probleme.

Denn der Boom der Biogasanlagen hat gravierende Schattenseiten. Weil gerade Mais die Sonnenenergie so effektiv in Biomasse umwandelt, wird er bevorzugt für Biogasanlagen verwendet. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fördert einen nachwachsenden Rohstoff wie Mais zudem mit einem Sonderzuschlag. So hat sich die Anbaufläche für Mais in nur einem Jahrzehnt von 1,5 auf 2,5 Millionen Hektar ausgedehnt

Ganze Landstriche "vermaisen" deshalb bereits. In einigen Regionen Schleswig-Holsteins und Niedersachsens wächst auf den Feldern fast nur noch Mais. Andreas Krug, Agrarexperte beim Bundesamt für Naturschutz in Bonn, warnt: "Diese Monokulturen drohen unsere Anstrengungen zum Naturschutz in der Landwirtschaft zunichtezumachen." Wo immer mehr Mais wächst, fühlen sich auch Wildschweine wohl. Ihre Zahl wächst enorm. Der Bestand im vergangenen Herbst wurde auf mehr als 800.000 Tiere geschätzt. Die Maisfelder bieten gute Deckung und machen es Jägern schwer, ihnen nachzustellen. Eine "enorme Herausforderung", wie Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdschutzverband sagte.

Warnung vor Monokulturen

Ohne Mais und Biogasanlagen aber ist die Energiewende in Deutschland kaum zu gewinnen. Bei der Vergärung durch Bakterien in der Biogasanlage wird immer nur so viel Kohlendioxid (CO2) freigesetzt, wie zuvor von der Pflanze gespeichert worden war. Dennoch warnt der Marburger Mikrobiologe Professor Rudolf K. Thauer davor, noch mehr solcher Anlagen zu bauen. "Die Obergrenze ist erreicht", sagte Thauer. Biomasse zur Energiegewinnung sei nicht beliebig ausbaubar und auf Dauer auch nicht nachhaltig. Eine neue Studie, die am heutigen Donnerstag veröffentlicht wird, befeuert die Kritik. Gemeinsam mit mehr als 20 Wissenschaftlern hat Thauer im Auftrag der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina die Möglichkeiten und Grenzen der Bioenergie analysiert und kommt dabei zu einem ernüchternden Ergebnis: Dass Deutschland im Jahr 2050 seinen Energiebedarf wie in der Bundesregierung diskutiert zu 23 Prozent aus dieser alternativen Quelle abdecken könnte, hält der Forscher für nahezu unmöglich. Schon heute sei die Bundesrepublik ein Nettoimporteur von Biomasse. Allerdings stünden diese Importe vor allem im Zusammenhang mit Futtermitteln: "Wenn weniger heimische Biomasse für energetische Zwecke genutzt würde, wären weniger Importe nötig."

Die Massentierhaltung ist die andere Ursache für den Mais-Boom in Deutschland. Reinhild Benning, Agrarexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund), beobachtet seit einigen Jahren eine stetig steigende Zahl von Masttieren. Die Ställe für Rinder, Schweine und Hühner würden immer größer, der Bedarf an Futtermitteln nehme zu. Das treibe die Preise für Mais in die Höhe und mache den Anbau für die Bauern nur noch lukrativer. Das verstärkt die Entwicklung: Grünland wird zu Ackerland für den Maisanbau. Und darin liegt die klimapolitische Schwierigkeit: Gerade Wiesen sind ein sehr guter Speicher für CO2, ihr Umbruch schadet dem Klima auf Jahrzehnte mehr, als der Betrieb einer Biogasanlage mit dem nun angebauten Mais nützt. "Die Energiewende konkurriert mit der Nachhaltigkeitsstrategie und der Exportstrategie für Fleisch und Milch", sagte Benning der Morgenpost. Die Bundesregierung stehe vor einem Zielkonflikt.

Erste Schritte zur Lösung des Problems wurden aber bereits eingeleitet. Mit der EEG-Novelle, die Anfang des Jahres in Kraft tat, wurde festgelegt, wie viel Mais ein Landwirt in seiner Biogasanlage maximal verarbeiten darf. Überschreitet er damit einen Anteil von 60 Prozent, wird die garantierte Einspeisevergütung gekürzt. Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) will nun zunächst abwarten und prüfen, wie diese Maßnahme wirkt, um dann gegebenenfalls nachzusteuern.

Der neue Bauernpräsident Joachim Rukwied hat selbstbewusst verkündet, ohne die Bauern werde die Energiewende nicht gelingen.

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) will die Nutzung von Sonne, Wind und Biomasse vorantreiben. Ein neuer Steuerkreis Erneuerbare Energien mit Vertretern aus den Ländern, den Bundestagsfraktionen und den Parteien soll Antworten finden. Und jedes Bundesland soll festlegen, wie es in Zukunft seinen Strom produzieren will. Altmaier ist optimistisch, bis 2020 den Anteil des Stroms aus alternativen Quellen von heute 20 auf 35 Prozent steigern zu können.