Aleppo

Rebellen tragen Bürgerkrieg in Syriens größte Stadt

Nach der Hauptstadt Damaskus wird nun auch in Aleppo gekämpft. Die Millionenmetropole gehört zu den letzten Bastionen von Präsident Assad

- Schwarze Rauchschwaden liegen über den Wohnblocks mitten in der Hauptstadt Damaskus, im Zentrum der nördlichen Handelsmetropole Aleppo fallen Schüsse: Der bewaffnete Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad hat die beiden großen Städte Syriens erfasst. Während sich der Konflikt in den vergangenen Monaten recht schnell über nahezu alle Provinzen des Landes ausgebreitet hat, waren die beiden Großstädte bislang weitgehend unberührt von der Gewalt geblieben.

Das änderte sich, als die Freie Armee Syriens (FSA) zum Sturm auf die Hauptstadt ansetzte. Seither herrschen in einigen zentralen Vierteln von Damaskus bürgerkriegsähnliche Zustände. Am Freitag haben die Kämpfe auch auf die Innenstadt von Aleppo übergegriffen, der größten Stadt des Landes. Das Bürgertum in der 1,7-Millionen-Einwohner-Metropole hatte sich den Protesten überwiegend nicht angeschlossen, unter anderem, weil die Mittelschicht von den zögerlichen Wirtschaftsreformen profitierte, die Assad seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 angestoßen hat. Außerdem leben in Aleppo viele Christen, die fürchten, dass nach einem Sturz des Regimes womöglich radikale Islamisten an die Macht kommen. Allerdings hatten die Studenten von Aleppo seit einigen Monaten immer wieder gegen das Assad-Regime demonstriert.

Nun ist der Aufstand voll in Aleppo angekommen: "Hier ändert sich die Lage gerade sehr schnell. Alles läuft chaotisch, und es ist schwer, die Situation richtig einzuschätzen", sagt Tarik, ein FSA-Kämpfer in dem Dorf Jarablous etwa 150 Kilometer vor Aleppo. Fest steht, dass die FSA in den vergangenen Tagen eine Reihe von Ortschaften rings um die Stadt unter ihre Kontrolle gebracht hat. Von dort aus haben die Rebellen am Wochenende das Zentrum infiltriert. Doch Tarik erwartet nicht, dass Aleppo schnell an die FSA fallen wird: "Es wird Tage dauern, wenn nicht Wochen. Die Freie Armee hält jetzt zwei Vororte. Von dort dringen sie langsam, langsam in die Innenstadt vor."

Oberst Abd al-Dschabbar Mohammed Aqidi, der Befehlshaber der FSA in der Provinz Aleppo, verkündete in einem Internetvideo, er habe "Befehle für den Marsch auf Aleppo gegeben, mit dem Ziel, es zu befreien". Doch das Regime kämpft mit aller Härte um die Kontrolle über die Stadt, denn sie zählt zu Assads letzten Bastionen. Am Morgen brachen zunächst in den Vororten Sachur und Salahuddin schwere Feuergefechte aus, als die Armee versuchte, von Rebellen besetztes Gebiet zurückzuerobern. Später soll es auch nahe der Zentrale des Geheimdienstes zu Kämpfen gekommen sein. "In mehreren Stadtteilen wird gerade heftig geschossen", sagt Mohammed Sajid, ein Aktivist in Aleppo. "Die Armee greift mit Panzern und Raketen an, doch die Rebellen sind jetzt sehr stark. Zudem sind die dem Militär gegenüber im Vorteil, weil die Straßen in Aleppo sehr schmal sind und die Panzer ihnen daher nicht in die Siedlungen folgen können."

In Damaskus unterdessen sollen die Streitkräfte erneut die zentralen Stadtviertel Barsah und Masah mit Kampfhubschraubern angegriffen haben. Die staatlichen Medien bestreiten dies jedoch und zeigen Bilder von ruhigen Straßen und Soldaten, die in den umkämpften Vierteln wieder Ordnung herstellen. Seit am Mittwoch vier führende Vertreter des Regimes bei einem Bombenanschlag getötet wurden, hatten die Kämpfe landesweit deutlich an Intensität zugenommen. Das Regime versucht seither nach Kräften, den Eindruck zu vermitteln, dass sich die Lage in der Hauptstadt normalisiert.

Doch die Berichte von Anwohnern vermitteln ein anderes Bild: In den Obstplantagen nahe dem Geschäftsviertel Masah soll es am Sonntag zu Razzien gekommen sein; die Armee habe das Gebiet mit Panzern abgeriegelt. "Seit Tagen wird Masah jeden Tag bombardiert", sagt Samir, ein Aktivist aus Hama, der nun in Damaskus festsitzt. "Das Regime spürt, dass seine letzten Tage angebrochen sind, und tut alles, um die Hauptstadt zu halten." Anderswo sei es den Rebellen gelungen, Panzer zu erobern oder zu zerstören und Anschläge auf Busse mit regimetreuen Schabiha-Milizen zu verüben. Mehreren Quellen zufolge setzt die FSA immer öfter Bomben und Sprengfallen ein.

Doch je länger die Kämpfe dauern, umso stärker spitzt sich die Notlage der Damaszener Bevölkerung zu. Die meisten Geschäfte sind nach Angaben von Anwohnern geschlossen. An vielen Tankstellen gibt es kein Benzin mehr, in den Bäckereien wird das Brot zunehmend knapp. Zehntausende Menschen aus Aleppo und Damaskus sind inzwischen geflohen. Ende vergangener Woche sollen allein im Libanon mehr als 30.000 Flüchtlinge aus Syrien eingetroffen sein