Kriminalität

Schwierige Operation

Der Transplantationsskandal bedroht die Kampagne für mehr Organspenden. CDU-Politiker fordern Berufsverbote für Ärzte

- Nach dem mutmaßlichen Transplantationsskandal an der Uniklinik Göttingen fordert Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) "bessere Verfahrensregeln" bei der Zuteilung von Spenderorganen. "Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, bedarf es nicht nur Konsequenzen für die Verantwortlichen", sagte der Minister der Berliner Morgenpost. Die offene Diskussion sei daher förderlich.

Bahr betonte zudem, dass einer Vertrauenskrise beim Thema Organspende entgegengewirkt werden müsse. "Ich appelliere an die Bürger, aus den Vorwürfen keine voreiligen Schlüsse zu ziehen." Es gelte weiterhin, dass die Bereitschaft zur Organspende Leben retten könne. Die Bundesregierung hat gerade eine große Kampagne gestartet, um die Deutschen zu mehr Organspenden anzuregen. Der Bedarf ist größer als das Angebot.

Im Mittelpunkt des Skandals steht der ehemalige Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie. Der 45-Jährige soll unterschiedlichen Angaben zufolge mindestens 25 Patienten auf dem Papier kränker gemacht haben, als sie waren, damit sie schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. Es sollen unter anderem Laborwerte manipuliert und Dialyseprotokolle gefälscht worden sein, um etwa neben der Lebererkrankung auch noch Nierenprobleme vorzutäuschen. Dies verbessert die Position auf der Warteliste, die für die Zuteilung eines Spenderorgans relevant ist. Der Arzt ist inzwischen suspendiert, die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen ihn wegen Bestechlichkeit.

Jetzt mehren sich die Forderungen nach einer strengeren Kontrolle der Patientenakten. Unter den Ärzten ist aber umstritten, ob etwa ein strenges Vieraugenprinzip gezielte Fälschungen verhindern oder aufdecken kann. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn forderte die Ärztekammern und die Deutsche Stiftung Organspende auf, den Skandal konsequent aufzuklären und die Verantwortlichen zu bestrafen. "Da müssen dann halt auch mal Approbationen entzogen werden", sagte Spahn.

Mindestens 25 Fälle

Im Juni war bekannt geworden, dass ein Göttinger Arzt 2011 die Daten eines russischen Patienten manipuliert hatte, damit dieser bessere Chancen auf eine gespendete Leber bekam. Inzwischen ist von mindestens 25 Patientenakten die Rede, die verändert wurden. "Focus" berichtet, die Bundesärztekammer sei bei ihren Recherchen sogar in insgesamt 32 Fällen auf Manipulationen gestoßen. Bei 20 Fällen bestehe der Verdacht, dass erst Fälschungen die Transplantation möglich gemacht hätten. Der Russe soll sogar 120.000 Euro bezahlt haben, damit er schneller eine Spenderleber bekam.

Die Göttinger Klinik wies zurück, bei der Personalwahl des Mediziners unachtsam gehandelt zu haben. Der "Süddeutschen Zeitung" zufolge war in der Vergangenheit bereits gegen den Arzt ermittelt worden, weil er eine für das Klinikum Regensburg vorgesehene Spenderleber nach Jordanien brachte. Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, Hans Lilie, hatte NDR Info gesagt, er sei überrascht gewesen, dass der Arzt in Göttingen angestellt wurde.

Ein Sprecher der Göttinger Universitätsmedizin sagte: "Das haben wir nicht gewusst, das war weder aus den Zeugnissen noch sonst wie erkennbar." Die Uniklinik habe nach ersten Verdachtsmomenten schnell reagiert und den Arzt suspendiert. Ein neuer Transplantationschirurg habe die Arbeit aufgenommen.

Der ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Essen, Eckhard Nagel, befürchtet nach den Manipulationsvorwürfen einen nicht absehbaren Vertrauensverlust für die Transplantationsmedizin. Man könne sich dies als "Super-GAU der Transplantationsmedizin" vorstellen, sagte das Mitglied im Deutschen Ethikrat im Deutschlandradio Kultur. Es werde "wahnsinnig schwer, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie in diesem Bereich Vertrauen haben können".

Nagel ist überzeugt, dass es sich um einen Einzelfall handelt. Auch habe die Überwachungskommission den mutmaßlichen Betrug "hoffentlich" zu einem sehr frühen Zeitpunkt festgestellt: "Insofern gibt es Mechanismen, die verhindern, dass sich so etwas flächendeckend ausbreiten würde."

Bessere Kontrollen

Als Konsequenz aus dem Skandal fordert Nagel ebenso wie Lilie bessere Kontrollmechanismen. "Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass wir am Ende auch zu weniger Transplantationszentren kommen, die besser kontrollierbar sind, weniger beteiligte Personen und sicher auch gerade im Übertragen von Daten zu einem Vieraugenprinzip, damit so etwas nicht wieder vorkommt." Lilie schlägt vor, dass alle Daten eines Patienten von einem unabhängigen Arzt überprüft werden sollten. Das lehnen andere Mediziner ab. Es sei praktisch nicht machbar. Sie setzten auf Berufsverbote und den Entzug der Approbation.