Interview zum Transplantationsskandal

"Etwas muss einem Kollegen aufgefallen sein"

Professor Bruno Meiser ist der Präsident von Eurotransplant.

- Die Stiftung ist für die Zuteilung (Allokation) von Spenderorganen in sieben europäischen Ländern verantwortlich. Shari Langemak sprach mit ihm.

Berliner Morgenpost:

Wie kann es sein, dass ein organisierter Betrug wie der in Göttingen möglich ist?

Bruno Meiser:

In jeder gesellschaftlichen Gruppe gibt es Menschen mit krimineller Energie, das kann man nicht verhindern. Wenn das allerdings in einem so hochsensiblen Bereich wie der Transplantationsmedizin passiert, dann ist das fatal. Deshalb brauchen wir in der Transplantationsmedizin die größtmögliche Transparenz - so wie es bei Eurotransplant schon lange der Fall ist.

Was bedeutet das konkret?

Eurotransplant speichert alle Patientendaten, sogar jedes Telefongespräch mit dem Transplantationszentrum wird aufgezeichnet. Die Allokation ist dann jederzeit komplett nachvollziehbar. Wenn diese Daten allerdings gefälscht übermittelt werden, ist auch Eurotransplant hilflos.

Da genügt ein Arzt mit kriminellen Absichten, der einfach alle Daten fälscht?

Aus meiner Sicht kann ein Mensch alleine nicht so professionell betrügen. Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen sein, dass Laborwerte unrealistische Schwankung aufwiesen oder Werte nicht zueinander passten.

Warum fälscht ein Arzt diese Daten?

Meines Wissens hatte der verantwortliche Chirurg einen leistungsbezogenen Vertrag. Wenn er also mehr Lebertransplantationen durchgeführt hat, konnte er allein dadurch seinen Verdienst erhöhen. Ob er noch zusätzlich private Zahlungen von den jeweiligen Patienten erhalten hat, muss die Staatsanwaltschaft ermitteln.

Bringen Lebertransplantationen der Klinik viel Geld ein?

Man kann die Kosten für eine Lebertransplantation nicht pauschalieren. Die Therapie wird zwar hoch abgerechnet, aber bei bestimmten Patienten kann die Klinik auch Verluste machen. Wie viel die Therapie am Ende einbringt, hängt von Gesundheitszustand und Krankheitsentwicklung des Patienten ab.

Genügen die bisherigen Richtlinien der Bundesärztekammer?

Wenn es Auffälligkeiten gibt, werden bislang die Zentren zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert. Eine Vorortkontrolle wäre sehr teuer und wird bisher nicht wahrgenommen. Ich bin sehr dafür, die Zentren in Zukunft stichprobenartig zu kontrollieren. Jedes postmortal gespendete Organ ist einmalig, ein Akt der Nächstenliebe über den Tod des Spenders hinaus. Mit diesem kostbaren Gut müssen wir nach höchsten ethischen Grundsätzen umgehen.