Syrien-Krise

Einfach nur raus aus Damaskus

In der syrischen Hauptstadt liefert sich Assads Armee erbitterte Kämpfe mit den Rebellen. Tausende fliehen in den Libanon und in die Türkei

- "Assad ist entschlossen, Damaskus zu zerstören", flüstert bedrückt Mohammed, Aktivist in al-Kusair, während er auf einem Plastiksessel vor dem Fernseher die Nachrichten vom Fall der syrischen Hauptstadt fieberhaft verfolgt. Er sitzt direkt vor dem Bildschirm und wechselt hastig die Sender. Im Hintergrund toben die Bomben. Die Bilder zeigen Szenen vom Chaos und Terror, die das Land beherrschen und in dem die Regierungstruppen verzweifelt versuchen, die von der Freien Syrischen Armee (FSA) eroberten Landesteile zurückzugewinnen. Die Stimme der arabischen Journalistin wird ständig von den Schüssen der Kämpfenden in Damaskus unterbrochen. Tausende Familien flüchten vor der Gewalt, suchen Schutz vor den Gefechten. Die Autos am syrisch-libanesischen Grenzübergang Masnaa stauen sich auf fast einen Kilometer in Viererreihen. Der Kontrollpunkt ist etwa 50 Kilometer von Damaskus entfernt. Aktivisten gehen von rund 30.000 Flüchtlingen im Libanon aus. In der Türkei sind derzeit mehr fast 40.000 Syrer als Flüchtlinge registriert.

Panzer greifen an

Ein vorbeiziehendes Geländefahrzeug mit etwa sechs Kämpfern mit hochgehaltenen Kalaschnikows wirbelt eine Staubwolke unter dem Fenster auf. "Es lebe die Dschaisch al-Hurr (FSA)!", schreit eine alte Frau aus dem Tor gegenüber und streckt die Hand zum Victory-Zeichen. Eine Explosion ist sehr nah zu hören, und die Frau rennt hinein. "Jetzt ist es unmöglich, dass die Leute in Damaskus nicht wissen, was los ist", fährt Hussein gelassen fort. "Die, die bisher das Geschehen nur passiv beobachteten, müssen jetzt entscheiden, auf welcher Seite sie sind. Baschar müssen jetzt die Knie wackeln", sagt er lächelnd.

Bislang blieb der Alltag in Damaskus weitgehend unberührt von der Gewalt, die den Rest des Landes erfasst hat. Doch nun ist die Blase geplatzt: Vor einer Woche haben die Rebellen die Stadt infiltriert und die Offensive "Damaskus-Vulkan" begonnen. Derzeit freilich scheinen die Streitkräfte des Regimes wieder Boden zu gewinnen: Freitag gelang es ihnen zunächst, die Rebellen aus dem Viertel Midan zu vertreiben; in der Nacht griffen sie FSA-Stellungen in verschiedenen Stadtteilen mit Panzern und Helikoptern an. Die Rebellen nahmen Stützpunkte der Sicherheitskräfte und Straßensperren unter Beschuss. "Wir alle sitzen zu Hause, niemand geht auf die Straße, außer es muss sein", sagt Lina, eine Aktivistin im zentralen Geschäftsviertel Mezzeh, spät am Freitagabend am Telefon. Im Hintergrund sind Rotorblätter zu hören, dann knallt es laut. "Mein Gott, der Hubschrauber feuert", wispert Lina. "Das ist das erste Mal, dass das hier in Mezzeh geschieht."

Allein am Freitag sind der oppositionellen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge landesweit 233 Menschen gestorben, davon 43 Soldaten. Am Sonnabend blieb es im Zentrum von Damaskus zunächst überwiegend ruhig, doch aus mehreren nahe gelegenen Vierteln wurden weiterhin Bombenangriffe und Feuergefechte gemeldet. Amateurvideos zeigen Szenen der Verwüstung in den umkämpften Siedlungen, Leichen auf der Straße, Trümmer, ausgebrannte Häuser. Mit den Kämpfen breitet sich ein Chaos aus, das in Damaskus bislang undenkbar war. "Der Müll ist seit Tagen nicht abgeholt worden. Vor den Tankstellen stauen sich lange Schlangen, weil das Benzin knapp geworden ist. Auch Brot ist immer schwerer zu bekommen", sagt Tarek, ein junger Anwalt in Damaskus. "Wenn das schon nach ein paar Tagen so ist, frage ich mich, was uns noch bevorsteht."

Die Rebellen hatten bereits zu Beginn der Woche die "Stunde null" ausgerufen, die "Endschlacht". Doch wie lange sich das Regime halten kann, ist noch unklar: "Das Regime ist den Rebellen militärisch noch weit überlegen, und es verfügt über Einheiten, die bereit sind, bis zum Letzten zu kämpfen", sagt ein westlicher Experte in Damaskus, der anonym bleiben will. Mindestens ebenso wichtig sei allerdings die symbolische Wirkung der Gefechte: "In Damaskus herrscht das Gefühl, dass ein Prozess der Auflösung begonnen hat. Das Regime wird daher schnell beweisen müssen, dass es noch fähig ist, die Hauptstadt zu kontrollieren."

Dabei haben die Rebellen dem Regime mit einem Bombenanschlag am Mittwoch einen schweren Schlag versetzt: Vier führende Sicherheitsbeamte und Regierungsmitglieder sind inzwischen an den Folgen der Explosion gestorben. "Das Ende des Regimes hat schon vor Wochen begonnen, und dieser Anschlag hat es allen offen vor Augen geführt", sagt Aiman Abdel Nur, ein früherer Berater von Präsident Assad, der sich 2007 ins Ausland abgesetzt hat. "Dieser Anschlag hat die Eliten schwer erschüttert. Nun ist allen klar, dass Baschar sie nicht mehr beschützen kann."

Zweifel, dass die Rebellen blutige Rache an Assad nehmen würden, wenn sie die Gelegenheit hätten, werden schnell zerstreut. "Ich träume davon, ihn umzubringen. Er soll enden wie Gaddafi. Wir müssen es tun; hoffentlich könnte ich nach Damaskus gehen und ihn eigenhändig töten!", bekräftigt Muaftar, der vor seinem Quartier in Kusair zwischen Apfelbäumen sitzt und sein Gewehr putzt. Er ist Mitglied einer der vielen neuen Katibas (Brigaden) der FSA und hat fünf Familienmitglieder verloren.

Der Hass ist genauso unter der zivilen Bevölkerung al-Kusairs vorhanden, in der Provinz Homs. "Ich hoffe, das Ende des Regimes naht, inschallah", so Doktor Kasim, der Hunderte von Menschen im Untergrundkrankenhaus sterben sah. Menschen sterben hier täglich, da es keine Fachkräfte gibt, keine Medizin und gerade mal ein wenig Betäubungsmittel, um die Schmerzen der Verwundeten zu lindern. "Die UN finden keine Einigung - na und? Umso besser, wir werden uns die Freiheit selber erkämpfen und niemandem was schuldig sein", meint er. Er hilft dabei, Schachteln mit den wenigen Hilfsmitteln, die im Rahmen der humanitären Hilfe hierher gelangen, zu packen und zu verteilen. Ramadan hat gerade begonnen - das bedeutet ein Monat Fasten bei feuchter, drückender Hitze.

"Die Zeit spielt für uns", behauptet Abo Alsus, Kommandant der Faruk-Brigade, einer der größten an der Grenze zum Libanon. Er sitzt im üppigen Garten eines beschlagnahmten reichen Hauses, in dessen Pool einige seiner Männer herumplanschen. "Dass der Krieg auf den Straßen stattfindet, ist ein Vorteil für uns, weil wir keine schwere Artillerie besitzen, aber gut im Kämpfen und im Guerillakrieg sind. Wenn Assad die Panzer auf die Straßen Damaskus bringt, ist es sein Ende."

Versteckt im Keller

Dort haben sich unterdessen Ströme von Vertriebenen auf den Weg gemacht. Die Menschen sind innerhalb und außerhalb der Stadt auf der Flucht, 30.000 sind in den vergangenen Tagen alleine im Libanon angekommen. "Wir sind schlecht auf einen Krieg vorbereitet. Wir hätten ja nie gedacht, dass das Regime das Zentrum der Hauptstadt bombardieren würde", sagt eine Universitätsdozentin und Aktivistin, die sich Susan Ahmed nennt. Die junge Frau floh aus ihrer Wohnung nahe dem umkämpften Viertel Barzeh, nun versteckt sie sich mit 20 anderen Menschen in einem Keller. "Es ist heiß hier drinnen, und immer wieder geht der Strom aus", sagt sie. "Die Kinder schreien vor Angst, wenn Schüsse zu hören sind." Susan ist überzeugt, dass die letzte Phase des Aufstandes angebrochen ist: "Das Regime hat immer behauptet: ,Damaskus ist sicher, in Damaskus ist alles gut.' Nun, das ist nicht mehr der Fall. Da können sie niemandem mehr etwas vormachen."

Doch alles deutet darauf hin, dass der Fall von Damaskus länger dauern wird als der von Tripolis. "Das war nur der Anfang des Blutvergießens in der Hauptstadt", verkündet Mohammed, der weiß, dass sie einer der stärksten und besser bewaffneten Armeen des Nahen Orients gegenüberstehen, die über chemische Waffen wie Sarin, Senfgas und ein Zyanidderivat verfügt. "Die Nachrichten sind mit Vorsicht zu genießen. Auch wenn wir von einem baldigen Sieg träumen, den wir hoffentlich noch erleben", so Mohammed, der rauchend zum Fenster rausschaut, ohne sich groß zu interessieren, wo diese zigfache Bombe nun fiel. Eine nach der anderen raucht er seine "Alhambras", der Fernseher auf volle Lautstärke gestellt, im Bildschirm die aktuellsten Nachrichten der letzten Schlacht.