Syrien-Krise

Kampf um Damaskus

Verzweifelte Gegenoffensive der Regierungstruppen in Syriens Hauptstadt. Vereinte Nationen verlängern Beobachtermission letztmalig um 30 Tage

-Geschäfte und Märkte sind geschlossen. Nur die Bäckereien und Apotheken arbeiten noch. Schüsse und Explosionen sind zu hören, Rauch liegt über der Hauptstadt. Damaskus brennt.

Ein Schock für die Bewohner der syrischen Hauptsstadt, die trotz des seit fast 17 Monaten andauernden Bürgerkriegs bisher ein normales Leben geführt haben. Nur einige Militärposten vor Regierungsgebäuden oder auf Umgehungsstraßen haben bislang daran erinnert, dass in Syrien Krieg herrscht. Selbst die Kämpfe in den Vorstädten schienen weit entfernt zu sein. Die Hauptstädter verfolgten sie zuhause am Fernseher, bequem vom Sofa aus. Die Studenten der medizinischen und technischen Fakultäten wollten jetzt ihre Abschlussprüfungen absolvieren. Mit ihren Angriffen im Herzen von Damaskus zogen die Aufständischen einen Schlussstrich unter die realitätsfremde Normalität.

Taktischer Rückzug

Das syrische Staatsfernsehen sendete unaufhörlich Erfolgsmeldungen: "Unsere heroischen Truppen haben das Midan-Viertel vollkommen von terroristischen Söldnern befreit." Große Mengen an Waffen, darunter Maschinengewehre, Sprengstoffgürtel, Panzerabwehrraketen und Kommunikationsausrüstung seien beschlagnahmt worden. Die Rebellen der Freien Syrischen Armee nannten es einen taktischen Rückzug, um das Leben von Zivilisten nicht zu gefährden. Nach fünf Tagen Beschuss durch Regimetruppen ist der Stadtteil ein Trümmerfeld. Ausgebrannte Autos, zersplitterte Fensterscheiben, Leichen in den Straßen. An der Außenwand der Moschee steht mit roter Farbe: "Die Moschee der Freien."

In anderen Vierteln der Hauptstadt wie Mezzeh und Kafr Susseh gehen die Gefechte zwischen FSA und der syrischen Staatsarmee unvermindert weiter. Nach Rebellenangaben "in unmittelbarer Nähe des Hauptsitzes des Premierministers und des Militärischen Geheimdienstes." Es ist ein Viertel, in dem sich zahlreiche Regierungsinstitutionen befinden und in dem normalerweise eine erhöhte Sicherheitsstufe herrscht. Es sagt viel, dass die FSA ausgerechnet in diesem Stadtteil zuschlagen konnte.

"Das ist die Stunde Null", behauptete Zaher, ein syrischer Oppositioneller. "Der Anschlag gab einen ungeheueren moralischen Schub für die Menschen, die das Regime stürzen wollen." Zaher meint das Bombenattentat vom vergangenen Mittwoch, bei dem insgesamt vier führende Regierungsmitglieder, darunter der Verteidigungsminister und ein Schwager von Präsident Baschar al-Assad, getötet wurden. Ein Selbstmordattentäter hatte sich als Leibwächter getarnt in das Hauptquartier der nationalen Sicherheit eingeschlichen. FSA und eine Dschihadisten-Gruppe übernahmen die Verantwortung.

Psychologische Momente haben bereits in vielen Kriegen eine entscheidende Rolle gespielt. Gegen die geschätzten 300.000 Soldaten der Armee scheint die FSA mit einigen zehntausend Kämpfern chancenlos. Aber ihre Guerillataktik, die den Gegner landesweit an vielen verschiedenen Orten bindet, scheint erfolgreich zu sein. Bisher. Denn noch ist nicht sicher, wie die Regierung reagieren wird. Die erste gelungene Gegenoffensive im Stadtteil Midan zeigt, dass sich die Regierung noch nicht geschlagen gibt. In anderen Vierteln der Hauptstadt gab die Staatsarmee den Bewohnern 48 Stunden, um Wohnung zu verlassen. Hunderte fliehen in sicherere Gebiete. "Sie fürchten eine groß angelegte Operation der Truppen", meinte das oppositionelle syrische Observatorium für Menschenrechte (SOHR).

Der russische Botschafter in Frankreich, Alexander Orlow, behauptete in einem Interview, Präsident Assad sei bereit abzutreten. "Er hat einen Repräsentanten nominiert, der die Verhandlungen mit der Opposition über den Übergang in ein demokratischeres System verhandeln soll", sagte der Diplomat im Radio. "Das bedeutet, Assad hat zugestimmt, abzutreten. Aber auf einem geordneten Weg." Die Aussagen des Botschafters wurden vom syrischen Informationsministerium als "völlig haltlos" zurückgewiesen.

Naheliegend wäre jedoch der baldige Abgang Assads. Noch ist er keiner Kriegsverbrechen angeklagt und die internationale Staatengemeinschaft wäre wohl verhandlungsbereit, um das Blutvergießen in Syrien möglichst schnell zu stoppen. Der Bürgerkrieg wird mit immer brutaleren Mittel geführt. Alleine am vergangenen Donnerstag gab es nach Angaben der oppositionellen Beobachtungsstelle in London 310 Tote - der bislang blutigste Tag seit Beginn der Proteste gegen Präsident Assad im März 2011.

Wenig Handlungsspielraum

Sollten seine Truppen in den nächsten Tagen keine entscheidenden Erfolge gegen die Rebellen erzielen, bleibt dem syrischen Präsidenten nicht mehr viel Handlungsspielraum. Assad wurde im syrischen Staatsfernsehen gezeigt, als er einen neuen Verteidigungsminister vereidigte.

Für die FSA scheint die Diplomatie nicht mehr wichtig. Die neuen Erfolge sind wie ein Vorgeschmack auf den großen Sieg über das Assad-Regime. Die an den Vetos Russlands und Chinas gescheiterte UN-Resolution, die Sanktionen gegen Syrien vorsah, ist für die Rebellen kein Weltuntergang mehr. Ebenso dürfte es für sie kaum ins Gewicht fallen, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen das Mandat der Beobachtermission am Freitag für 30 Tage verlängert hat. Voraussetzung ist allerdings, dass die FSA weiterhin auf der Erfolgsspur bleibt und neues Territorium erobert. Insbesondere in Damaskus, dem Machtzentrum.