Nordkorea

Angriff auf die alte Garde

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un hat einen wichtigen Armee-Hardliner aus dem Weg geräumt

- Der Himmel weinte, als Kim Jong-il zu Grabe getragen wurde, so erklärte die Propaganda später das heftige Schneetreiben, in dem sich der Leichenzug durch Pjöngjang wälzte.

Die Choreografie an jenem 28. Dezember 2011 in der nordkoreanischen Hauptstadt schien zu symbolisieren, dass der Kosmos der abgeschotteten Diktatur intakt blieb, auch wenn das oberste Gestirn gerade erloschen war. Acht Männer schritten neben der schwarzen Limousine einher, die Kims Sarg trug: vier Generäle auf der einen Seite, vier Parteiführer auf der anderen. An der Spitze der Politiker schritt der jugendlich-pummelige Kim Jong-un, Sohn des verblichenen Diktators und dessen seit Jahren designierter Nachfolger. Auf der anderen Seite der Kühlerhaube, den Uniformierten voran, ging Generalstabschef Ri Yong-ho, 69 Jahre alt und wie immer mit ernster Duldermiene. Fast sieben Monate ist das her, und jetzt ist der Kosmos der Diktatur in Unordnung geraten, denn Ri Yong-ho ist gestürzt.

Chronisch überalterte Elite

Glaubt man der offiziellen Meldung, welche die staatliche Nachrichtenagentur KCNA am Montagmorgen verbreitete, dann waren es gesundheitliche Gründe, welche das Politbüro der Partei der Arbeit Koreas bei einer Sitzung am Sonntagabend bewogen, Ri aller seiner Parteiämter zu entheben. Aber dass es wirklich um Medizinisches geht, glaubt niemand. Bei öffentlichen Auftritten in der jüngeren Vergangenheit machte Ri einen rüstigen Eindruck, und gesundheitliche Gründe waren in der chronisch überalterten Elite Nordkoreas noch nie Anlass, Machtpositionen abzugeben. So sehen viele Beobachter einen Machtkampf zwischen zivilen und militärischen Führern als wahren Hintergrund der Personalie.

Einer, der diese Auseinandersetzung schon früh beobachtete, ist der südkoreanische Forscher Park Hyeong-jung, der am Korenischen Institut für Nationale Einheit im südkoreanischen Seoul den mysteriösen Nachbarn beobachtet. "Schon im April, beim vierten Parteitag und bei der anschließenden Sitzung der Obersten Volksversammlung, waren interessante Berufungen zu beobachten, die deutlich zeigen, dass die Partei und der politische Sicherheitsapparat ihren Zugriff auf das Militär verstärken", sagt Park.

"Da wurde vor allem Choe Yong-hae, ein enger Mitarbeiter von Kim Jong-uns Onkel Jang Song-thaek, zum Chef des Generalpolitbüros der Volksarmee berufen - also zum obersten Kontrolleur der Streitkräfte. Dass ein Zivilist diese Funktion erhält, ist absolut außergewöhnlich." Schon diese Personalie sei ein Affront gegen Ri gewesen, denn zusammen mit seinen anderen Funktionen sei nun Choe der wichtigste Mann in der Partei gewesen, nicht mehr Ri. "Es ist gut möglich, dass Ri diese faktische Degradierung nicht hinnehmen wollte und deshalb gehen musste."

Bei der Personalpolitik geht es auch ums Geld: "Die Armee hat seit Jahren Versorgungsschwierigkeiten", sagt Forscher Park. "Und dieses Jahr hat sie besonders viele Nahrungsmittel bei den Bauern beschlagnahmt. Das verstößt aber auch gegen die Pläne der neuen Herrschaftselite um Kim Jong-un und seinen Onkel Jang Song-thaek." Vor allem Jang wolle, nach dem Vorbild Chinas, die Wirtschaft verändern und klarere Verantwortlichkeiten herstellen. "Um echte Reformen geht es dabei nicht", meint Park. "Die neue Führungsclique will lediglich mehr ausländische Währung ins Land bringen, und das wohl eher, um die Elite abzusichern, als zum Wohle der Bevölkerung."

Popkonzerte mit als Mickymäusen verkleideten Tänzern hatten im Westen zuletzt Hoffnungen auf eine Art koreanischen Frühling geweckt. Auch weil sich Kim Jong-un zuletzt offen in Begleitung einer Frau zeigte. Von ihr glauben südkoreanische Medien, dass sie seine Ehefrau sein könnte. Zu Kim Jong-ils Zeiten war es fast undenkbar, dass der Diktator sich so offen an der Seite seiner Partnerin zeigt. Zeichen einer Öffnung?

Daran glaubt Park nicht: "Politisch ist diese Fraktion alles andere als reformerisch ausgerichtet - im Gegenteil: Ihr Ziel scheint eine noch stärkere politische Kontrolle durch die Partei und ihre Sicherheitsdienste zu sein." Die Regimemedien müssten lediglich mit den immer stärker einsickernden Produkten ihrer südkoreanischen und chinesischen Konkurrenz Schritt halten. Einen echten politischen Gegensatz zwischen Militär und Partei gebe es nicht.

China möchte Nordkorea mäßigen

Genau aus diesem Grund glaubt Scott Snyder nicht an einen Machtkampf zwischen Militär und Partei. "Die beiden Stützen des Systems sind viel zu eng miteinander verwoben, als dass sie auf breiter Front gegeneinander arbeiten könnten", sagt der Korea-Beauftragte des amerikanischen Council on Foreign Relations, das die US-Regierung außenpolitisch berät. "Der naheliegendste Schluss aus dem Sturz von Ri ist, dass hier vor allem Kims Onkel Jang seine Macht ausgeweitet hat."

Eine mögliche Konsequenz dieser Entwicklung könnte im Verhältnis zu China liegen. "Es ist bekannt, dass sich Peking mit Jang in der Führungsspitze besonders wohl fühlt. Und China sucht schon lange nach Wegen, um mäßigend auf Nordkorea einzuwirken, besonders im Atomstreit." Zuletzt hatte der junge Kim ein Moratorium des Atomwaffenprogramms im Austausch für US-Hilfen zugesagt, den Deal aber kurz darauf mit dem Test einer Langstreckenrakete zunichte gemacht.

Dass Amerika jetzt neue Chancen nutzt, glaubt Snyder nicht. "In Amerika herrscht Wahlkampf, und in der nächsten Amtsperiode wird die Außenpolitik neu geordnet. Bis dahin ist Washington so unberechenbar wie Pjöngjang."