Syrien

Massaker galt Assads Gegnern

Der Angriff auf das syrische Dorf Tremseh richtete sich UN-Beobachtern zufolge gegen Deserteure und Rebellen. Das Regime bestreitet das

- Die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Syrien nehmen kein Ende. Nach dem mutmaßlichen Massaker in Tremseh am 12. Juli haben sich Beobachter der Vereinten Nationen (UN) am Wochenende vor Ort ein Bild von der Lage gemacht. Auf Blutlachen, Patronenhülsen, Mörser und Artilleriegranaten seien die Inspektoren in der zentralsyrischen Ortschaft gestoßen, hieß es in einer am Sonnabend veröffentlichten Erklärung der UN. Danach wurden bei dem Angriff vom Donnerstag offenbar gezielt Häuser von desertierten Soldaten und Regimegegnern ins Visier genommen. Bei dem mutmaßlichen Massaker wurden laut Aktivisten bis zu 200 Menschen getötet. Am Sonntag kam es in der syrischen Hauptstadt Damaskus zu weiteren, heftigen Kämpfen zwischen Rebellen und Regierungstruppen.

Westerwelle beschuldigt Assad

Mit elf Fahrzeugen war das UN-Team am Sonnabend in Tremseh eingetroffen, einer Ortschaft mit weniger als zehntausend Einwohnern nordwestlich der Stadt Hama. Einzelheiten, die nach und nach über das Blutbad bekannt wurden, legten nahe, dass nicht - wie von Oppositionellen dargestellt - Zivilisten das Ziel des Angriffs waren. Vieles deutete vielmehr daraufhin, dass das Militär die Opposition verfolgte und Aktivisten und Einwohner versuchten, ihre Ortschaft zu verteidigen. Fast alle Toten sind Männer, darunter Dutzende bewaffnete Rebellen.

Viele der Häuser seien zerstört und teilweise abgebrannt worden, teilten die UN weiter mit. Über die vor Ort entdeckten Artilleriegeschosse und Granaten hätten nur die Streitkräfte von Präsident Baschar al-Assad verfügen können. Eine Zahl der Toten nannten die UN nicht. Die Beobachtungen gingen am Sonntag weiter.

Oppositionelle zählten bis zu 200 Leichen, darunter Dutzende in umliegenden Ortschaften oder bis zur Unkenntlichkeit verbrannte. Sie befürchteten, dass die Zahl der Opfer noch steigen könnte, da Hunderte Menschen noch als vermisst galten. Einwohner vermuteten weitere Leichen auf den Feldern oder im Orontes, der durch das Gebiet fließt. Damaskus bestritt den Einsatz schwerer Waffen in Tremseh. Die Offensive habe bewaffneten Kämpfern gegolten, sagte ein Sprecher des syrischen Außenministeriums am Sonntag.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) machte indes das Regime von Präsident Baschar al-Assad allein für die Gewalt in Tremseh verantwortlich. "Das Regime setzt schwere Waffen wie Hubschrauber, Geschütze und Panzer für grausame Gewalt, für einen regelrechten Krieg gegen das eigene Volk ein. Das ist unsere klare Erkenntnis aus den Berichten über die Geschehnisse von Tremseh", sagte er der "Bild am Sonntag". Nun sei der Moment gekommen, an dem der Sicherheitsrat dem Assad-Regime endlich seine Grenzen aufzeigen müsse und Sanktionen verhängen solle, wenn Assad sich weiter weigere, seine schweren Waffen aus den Städten und Dörfern Syriens abzuziehen. Westerwelle appellierte an die Weltgemeinschaft, den Gräueltaten endlich ein Ende zu bereiten: "Das darf nicht weitergehen. Gewalt schürt nur mehr Gewalt. Ein weiteres Hula oder Tremseh darf es nicht geben."

US-Außenministerin Hillary Clinton bezeichnete die syrische Führung offen als Mörder. Die syrische Führung wies die Darstellungen entschieden zurück. "Was passiert ist, war kein Massaker, es war ein Militäreinsatz", sagte der Sprecher des syrischen Außenministeriums, Dschihad Makdissi, am Sonntag in Damaskus. "Das waren Kämpfe zwischen Sicherheitskräften, deren Pflicht es ist, Zivilisten zu verteidigen, und schwer bewaffneten Kräften, die nicht an eine politische Lösung glauben."

Der Sprecher bestritt den Einsatz schwerer Waffen. Der Vorwurf sei schon allein deshalb nicht logisch, weil Tremseh nur einen Quadratkilometer groß sei. "Wir befinden uns in einem Selbstverteidigungszustand, nicht in einem Angriffszustand." Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete unter Berufung auf Militärkreise, die Dorfbewohner hätten den Behörden anschließend für die Wiederherstellung der Sicherheit gedankt.

Regierungsgegner kritisierten dagegen wie schon im Falle früherer Massaker, etwa in Hula - wo 108 Menschen getötet und 300 weitere teils schwer verletzt wurden - das Vorgehen syrischer Soldaten und der Assad-loyalen Schabiha-Milizen als extrem brutal. "Wir waren von vier Seiten umzingelt, mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen, und über uns schwebten Hubschrauber", sagte ein Mann in einem Video, das am Sonnabend ins Internet gestellt wurde und den Angaben zufolge in Tremseh gefilmt worden war. "Sie verbrannten Menschen vor unseren Augen." Andere Oppositionelle berichteten über eine sieben Stunden lange Schlacht, nachdem Rebellen von außerhalb sich in die Kämpfe eingeschaltet hätten. Auch UN-Beobachter hatten Kampfhubschrauber aus der Ferne beobachtet. Nach zwei Tagen Wartezeit erhielten sie am Sonnabend schließlich Zugang zu dem Dorf.

Heftige Kämpfe in Damaskus

Unterdessen ist die syrische Hauptstadt Damaskus am Sonntag nach Informationen der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London von den heftigsten Kämpfen seit dem Beginn der Rebellion im März 2011 erschüttert worden. Es habe in mehreren Stadtvierteln bewaffnete Auseinandersetzungen gegeben, sagte der Chef der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman. "Die Sicherheitskräfte versuchen die Kontrolle über die Viertel zurückzugewinnen, aber sie schaffen es vorerst nicht." Die Beobachtungsstelle gab die Zahl der am Sonntag in Syrien bei politischer Gewalt Getöteten mit 55 an.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) betrachtet den Konflikt in Syrien inzwischen als Bürgerkrieg. Damit greife an jedem Schauplatz von Feindseligkeiten im Land das humanitäre Völkerrecht, sagte IKRK-Sprecher Hicham Hassan am Sonntag. Dem internationalen Völkerrecht zufolge können Angriffe auf Zivilisten sowie die Misshandlung und Tötung von Häftlingen Kriegsverbrechen darstellen.