Konflikt

Iran muss sein Öl auf Schiffen bunkern

Durch das Embargo bleibt der islamische Staat auf seinem wertvollen Rohstoff sitzen - jetzt versucht er es heimlich zu verkaufen

- Der riesige Öltanker dümpelt mit einem neuen schwarzen Anstrich im Wasser des Persischen Golfes, am Bug prangt der Name "Neptune". Tatsächlich heißt das Schiff "Iran Astaneh" und gehört der Nationalen Iranischen Tankergesellschaft (NITC). Die Tarnung gehört zu einer Verzweiflungsstrategie, mit der das Regime in Teheran die Auswirkungen der verschärften Sanktionen gegen den Iran entgegensteuern will. Seit Sonntag sind härtere Maßnahmen der EU in Kraft. Wie die "New York Times" berichtete, haben die Iraner auf rund 65 Tankern - das sind vermutlich zwei Drittel ihrer Flotte - bislang rund 40 Millionen Barrel Rohöl gebunkert. Weitere zehn Millionen Barrel lagerten an Land.

Teheran hat seine Ölproduktion seit Jahresbeginn schon von rund 2,8 Millionen Barrel am Tag um mehr als eine Million drosseln müssen und verkauft nur noch geschätzte 1,6 bis 1,8 Millionen Barrel davon. Noch weiter wollen die Iraner die Produktion nicht drosseln, um ihrer Fördertechnik nicht zu schaden. Der nicht verkaufte Rest wird gelagert.

Der Ölpreis ist wegen des europäisch-amerikanischen Embargos sowie gesteigerter Förderung in Saudi-Arabien, im Irak und Libyen seit Jahresanfang zudem um zehn Prozent gefallen. Die kenianische Ölindustrie stoppte auf amerikanischen und britischen Druck hin einen Vertrag über die Abnahme von 800.000 Barrel am Tag; die Industrienation Südkorea meldete ein Absinken der iranischen Ölimporte zwischen April und Mai um 50 Prozent. Experten schätzen, dass die Öleinnahmen des Iran seit Jahresbeginn insgesamt um satte 35 Prozent gesunken sind.

Dutzende schwer beladene iranische Tanker fahren nun sinnlos Kreise durch den Golf. Wie das US-Blatt weiter meldete, versuchen die Iraner, das Öl am Embargo vorbei wenigstens zu niedrigeren Preisen zu verkaufen.

Nach Angaben der Londoner Firma IHS Fairplay schalten die Kapitäne dazu ihre GPS-Ortungssysteme aus, um ihre Position zu verschleiern. Schnelle Schmugglerboote rasen derweil bis zur Nordspitze des Oman, um Schwarzmarktgüter zu besorgen. "Wir sind jetzt gezwungen, unser wertvollstes Exportprodukt heimlich zu verkaufen", zitierte die "New York Times" den iranischen Journalisten und Ölmarktfachmann Nader Karimi Joni. "Der Iran hatte früher einen großartigen Ruf. Jetzt müssen wir die Ladepapiere fälschen, die Herkunft des Öls verschleiern und unser Öl auf Schiffen lagern."

"Die Iraner werden in die Enge gedrängt", sagte Sadat al-Husseini, früher in leitender Position beim staatlichen saudi-arabischen Ölkonzern Aramco tätig. "Es bringt einfach zu viel Ärger mit sich, iranisches Öl zu kaufen. Warum sich mit den Europäern und Amerikanern deswegen anlegen? Und der Rest der Opec (der Organisation erdölexportierender Staaten) ist auch nicht glücklich mit dem Iran."

Indem die Sanktionen immer stärker Wirkung zeigen, wächst auch die Gefahr einer militärischen Konfrontation. Beide Seiten haben im Golf erhebliche Arsenale aufgefahren. Die iranischen Revolutionsgarden setzen vor allem auf Schwärme von raketenbestückten Schnellbooten, um die mächtigen US-Kriegsschiffe im Fall einer Konfrontation ausschalten zu können. Wie die halbamtliche Nachrichtenagentur Fars meldete, drohte General Ami Ali Hadschisadeh, der Luftwaffenchef der Revolutionsgarden Pasdaran, man könne "binnen Minuten" auf einen Angriff des Westens mit Gegenangriffen auf US-Stützpunkte in der Region und auf Israel reagieren.

Streit um Straße von Hormus

In dieser Woche testeten die Revolutionsgarden eine Reihe von Raketen, die Israel erreichen können. Zudem hat das Regime in Teheran damit gedroht, im Falle einer militärischen Konfrontation die Straße von Hormus zu blockieren, durch die bis zu 40 Prozent des weltweiten Öltransportes verläuft. Die US-Regierung von Barack Obama erklärte drohend, damit würde eine "rote Linie" überschritten.

Die Regierung in Teheran bereitet die Bevölkerung zunehmend auf harte Zeiten vor. Am Montag hatte Außenminister Ali Akbar Salehi bereits Parallelen zum irakisch-iranischen Krieg gezogen, der von 1980 bis 1988 tobte und fast eine Million Todesopfer forderte. Der iranische Vizepräsident Mohammed Resa Rahimi erklärte, sein Land könne nicht aufgehalten werden, und wandte sich an die Bevölkerung um Hilfe, da der Iran heute "den schwersten Sanktionen" ausgesetzt sei.

Der Iran steht im Verdacht, unter dem Deckmantel eines zivilen Atomprogramms an Nuklearwaffen zu arbeiten, bestreitet dies aber vehement. Die USA und ihre Verbündeten hatten in den vergangenen Monaten scharfe Sanktionen gegen den Iran verhängt.