Syrien

Wo das Assad-Regime foltern lässt

Ein Bericht von Human Rights Watch offenbart die systematische Misshandlung von Tausenden Oppositionellen

- Sie mussten nicht lange marschieren, um in die Freiheit zu kommen. Das Niemandsland an der syrisch-türkischen Grenze ist ein nur knapp drei Kilometer breiter Streifen. Trotzdem dürfte es für die Frauen und Kinder bei Temperaturen bis zu 40 Grad eine Strapaze gewesen sein. Angriffe der syrischen Regierungstruppen mussten die 293 Menschen nicht fürchten. Die oppositionelle Freie Syrische Armee (FSA) kontrolliert das Grenzgebiet, oft 30 Kilometer weit ins Land hinein, und steht nur zehn Kilometer vor Syriens größter Stadt Aleppo.

Unter den Flüchtlingen waren auch 85 Soldaten, die nach eigenen Angaben die "Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung" nicht mehr mit ansehen wollten. Auch ein General und 14 weitere Offiziere waren dabei. Seit Beginn des Aufstandes gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad vor fast eineinhalb Jahren ist dies die größte Gruppe von Deserteuren, die zur FSA überlief. Sie wurden ins Lager von Apaydin nahe der Grenze gebracht, das speziell der Unterbringung geflohener Militärs dient. Rund 2000 ehemalige Soldaten der syrischen Armee sind dort untergebracht. Es ist ein mit Stacheldraht und hohen Zäunen abgeschirmtes Gelände, auf dem die Menschen in Zelten und Containern leben. Von militärischem Drill, Exerzierplatz oder Trainingsgelände ist nichts zu sehen, aber Apaydin gilt als das Hauptquartier der FSA. Für Außenstehende ist das Betreten des Lagers streng untersagt. Man wird die Neuankömmlinge dort intensiv verhören. Die FSA will sichergehen, dass keine Spitzel des verhassten Assad-Regimes einsickern. Das türkische Grenzgebiet ist für die FSA von immenser Bedeutung. Es ist Rückzugsgebiet, Nachschubbasis und Kommandozentrale zugleich. Ohne die stillschweigende Duldung der türkischen Behörden wäre das nicht möglich. Das türkische Militär lässt die FSA völlig ungehindert die Grenze passieren und drückt auch beim stetig zunehmenden Waffenschmuggel beide Augen zu.

Die zivilen Flüchtlinge, die am Montag über die Grenze kamen, wurden auf verschiedene andere Lager verteilt. Die Türkei hat bisher über 35.000 Syrier aufgenommen, die aufgrund des Bürgerkriegs ihr Zuhause verlassen mussten. "Unser Dorf wurde Tag und Nacht von der syrischen Armee beschossen", sagt ein Familienvater. "Wir wissen nicht einmal, warum, denn Rebellen gab es bei uns nicht." Sie sind froh, der Hölle entkommen zu sein, aber mit dem Leben im Lager können sie sich nur schwer abfinden. "Es gibt kaum Wasser, das Essen ist ungenießbar, und in den Zelten herrscht eine Hitze, die nicht zu ertragen ist", berichtet ein junger Mann sichtlich verärgert. Er ist mit seiner Frau und zwei Kindern seit mehr als einem Jahr im Lager von Jaladai untergebracht.

"Von Tag zu Tag werden wir mehr", sagt ein FSA-Offizier in der 51 Kilometer entfernten Stadt Antakya. "Über 60.000 Mann sind bereits desertiert", versichert der junge Mann, der nicht mit Namen genannt werden will. Seine Familie befindet sich noch in Syrien, und er hat Angst vor Repressalien. 60.000 ist auch die Zahl, die der Nationale Sicherheitsrat der Türkei nennt. Damit hätte die auf insgesamt 300.000 Mann geschätzte syrische Armee ein Fünftel ihres Personals verloren. Die höchste Zahl von Deserteuren, so der Sicherheitsrat weiter, gebe es in den Grenzregionen zum Libanon, der Türkei und dem Irak. Offenbar ist die Verführung groß, wenn die Freiheit in greifbarer Nähe liegt.

Ein neuer Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) zeigt nun, was jenen droht, die sich gegen das Regime stellen. Seit März 2011 hat HRW mehr als 200 Menschen befragt, die meisten davon sind Deserteure sowie ehemalige Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes. Das Ergebnis ist schockierend. HRW dokumentiert willkürliche Massenverhaftungen, Misshandlungen und Folter. Der 81 Seiten umfassende Report führt Videoaussagen ehemaliger Häftlinge an, Zeichnungen von Foltertechniken sowie Karten der insgesamt 27 unterirdischen Gefängnisse in ganz Syrien. Fast alle Befragten sagten laut HRW, sie hätten Folter erdulden müssen oder seien Zeuge von Folter geworden. Dazu gehörten das Schlagen mit Stöcken, Stromschläge, Verbrennungen mit Batteriesäure, sexuelle Übergriffe, Scheinexekutionen und das Erzwingen unbequemer Körperhaltungen über einen längeren Zeitraum.

Tausende von Menschen sollen seit Beginn des Aufstands in diese Folterkeller verschleppt worden sein. "Du willst Demokratie und Freiheit, hier hast du sie", soll ein Wächter geschrien haben, bevor er sein Opfer mit Stock und Kabel windelweich schlug. "Danach hat er mir Elektroschocks gegeben", berichtet im Video der Betroffene. Die Folter habe systematisch und in allen 27 Gefängnissen stattgefunden, so Ole Solvang von HRW. Frauen und ältere Menschen würden nicht verschont. Auch Kinder waren unter den Verhafteten.

Ein Junge erzählt, wie er mit verbundenen Augen verhört wurde. Die beiden ersten Vernehmungen verliefen glimpflich. Beim dritten Mal riss man ihm seine Fingernägel heraus. Fast alle Häftlinge berichteten, sie seien nackt oder nur mit Unterwäsche bekleidet gefoltert worden. "Sie zwangen mich, mich auszuziehen", sagte ein 31-Jähriger, der im Juni in Idlib inhaftiert war. "Sie stachen Heftklammern in meine Finger, Brust und Ohren. Ich durfte sie nur herausnehmen, wenn ich redete." Er habe auch Elektroschocks bekommen, unter anderem an den Genitalien. "Ich dachte, ich würde meine Familie nie wiedersehen." Der neue Bericht von Human Rights Watch könnte nun die Basis für eine Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag sein.