Jizchak Schamir

Er war zufällig in die israelische Politik gestolpert

Jizchak Schamir ist im Alter von 96 Jahren gestorben

- Niemand spricht gern schlecht über Verstorbene, und vielleicht wäre es dem am Sonnabend in einem Pflegeheim nach langer Krankheit gestorbenen ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Jizchak Schamir eine besondere Genugtuung gewesen, all die freundlichen Worte seiner ehemaligen Erzfeinde zu hören.

Warme Worte, große Gesten - das war noch nie etwas für den 1915 in Belorussland geborenen Jizchak Jezernitsky gewesen. Schon früh trat er der zionistischen Betar-Bewegung bei und brach sein Jurastudium in Warschau ab, um 1935 nach Palästina auszuwandern. Seine Eltern und zwei Schwestern blieben - und wurden im Holocaust ermordet.

Schamir aber kämpfte in Palästina für einen unabhängigen jüdischen Staat. Er wurde zu einem der Anführer der Untergrundorganisation Lehi und genehmigte unter anderem die Morde am Nahost-Gesandten der Vereinten Nationen, Graf Folke Bernadotte, und am britischen Nahost-Minister, Lord Moyne. Mehrfach wurde er festgenommen, mehrfach gelang ihm die Flucht und die Rückkehr nach Israel. Von 1955 bis 1965 war er beim Auslandsgeheimdienst Mossad. 1973 wurde er erstmals in die Knesset gewählt. 1977 machte der erste Ministerpräsident der rechten Likud-Partei, Menachem Begin, ihn zum Knesset-Sprecher, drei Jahre später wurde Schamir Außenminister. Er war die dritte Wahl. Als Begin zwei Jahre später das Amt aufgab, übernahm der ebenso wortkarge wie wenig charismatische Schamir die Amtsgeschäfte.

Lange Liste an Fehlentscheidungen

Schamir war kein Mann des Kompromisses. Er war von einem tiefen Misstrauen gegen die Araber geprägt, sogar bei der Abstimmung über den von Begin ausgehandelten Friedensvertrag mit Ägypten enthielt er sich der Stimme. Das lag nicht nur an einer im Nachhinein durchaus berechtigt scheinenden Skepsis an der Ernsthaftigkeit der PLO-Führung um Jassir Arafat, sondern vielmehr an seiner ideologisch verankerten Überzeugung, keinen Zentimeter der bisher eroberten Ländereien aufgeben zu wollen.

Mäßigung hielt er für ein taktisches Mittel, aber niemals das Ziel. Die Liste seiner Fehlentscheidungen ist lang: Das von seinem Außenminister Schimon Peres ausgehandelte Londoner Abkommen ließ Schamir aus Angst vor jeglichen territorialen Zugeständnissen platzen und machte damit wohl die letzte Möglichkeit zunichte, eine Lösung des Nahost-Konflikts mit direkter jordanischer Beteiligung zu erreichen. Und während Peres der Überzeugung war, die Glasnost-Bewegung werde die sowjetischen Juden zum Bleiben bewegen, war Schamir von der bevorstehenden Masseneinwanderung überzeugt. Heute leben 1,2 Millionen Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Israel. Es ist ein Glück für die Zukunft des Friedensprozesses, dass Schamir seinen Plan nicht umsetzen konnte, die Neuankömmlinge alle in Siedlungen im Westjordanland anzusiedeln.