EU-Gipfel

Märkte bejubeln den Start in die Schuldenunion

Analysten, Volkswirte und Politiker streiten noch darüber, was sie von den Beschlüssen des Brüsseler EU-Gipfels halten sollen. Die Reaktion der Finanzmärkte dagegen ist an Eindeutigkeit kaum zu überbieten.

- Als um 4.30 Uhr in der Nacht zum Freitag die Ergebnisse bekannt wurden, sprang der Kurs des Euro zum Dollar im asiatischen Handel binnen Sekunden um anderthalb Cent nach oben. Der deutsche Aktienindex (Dax) eröffnete den Handel wenige Stunden später mit 2,5 Prozent im Plus, das über den Tag hinweg noch ausgebaut wurde, die Renditen für spanische und italienische Anleihen gaben deutlich nach und jene für deutsche Titel stiegen im Gegenzug. Eine Reaktion wie aus dem Bilderbuch. Also war der Gipfel ein voller Erfolg?

"Alles in allem übertrafen die Ergebnisse die Erwartungen", sagt Marco Valli, Chefökonom für die Euro-Zone bei der italienischen Bank Unicredit. Sie seien ein Schritt in die richtige Richtung, und diese geht, seiner Meinung nach, hin zu einem leichteren Zugang der Problemländer zu den Mitteln des Rettungsschirms ESM sowie zu einer grenzüberschreitenden Integration der Haftung bei Bankenschieflagen.

Tatsächlich waren Bankaktien am Freitag auch die größten Gewinner, vor allem jene aus den südeuropäischen Staaten. Die Papiere von BBVA, Intesa Sanpaolo oder Unicredit, aber auch jene von französischen Instituten wie BNP Paribas oder Société Générale legten um über sechs Prozent zu. Die Deutsche Bank brachte es immerhin noch auf ein Plus von fünf Prozent, bei der Commerzbank waren es nur vier.

Das hat seinen guten Grund. "Spanien wird in die Lage versetzt, mit Geld aus den europäischen Rettungsmechanismen seinen Bankensektor zu sanieren", sagt Philipp Dobbert, Volkswirt bei der Quirin Bank. Und zwar, ohne dass das Land dafür irgendwelche Auflagen erfüllen muss und ohne dass die Kredite auf dessen Staatsschuld angerechnet werden. "Es entsteht ein europäischer Selbstbedienungsladen zur Bankenrettung", so Dobbert. "Man könnte auch sagen: Euro-Bonds für den Bankensektor." Und das, obwohl Angela Merkel noch lebt - denn sie hatte genau solche Euro-Bonds ausgeschlossen, solange sie lebt.

Bankenaktien könnten daher auch in den kommenden Wochen zu den großen Gewinnern am Aktienmarkt gehören. Denn sie können nun wieder eifrig in Staatsanleihen der Peripheriestaaten investieren, die derzeit üppige Renditen bringen, und so ihre Gewinne aufpeppen. Gleichzeitig können sie sicher sein, im Zweifelsfall durch den europäischen Rettungsschirm aufgefangen zu werden, wenn sie sich verspekulieren sollten.

Euor-Bonds nicht vom Tisch

Parallel würde dies zu einem Rückgang der Renditen bei den Anleihen Spaniens und Italiens führen - das war letztlich das große Ziel der beiden Länder beim Gipfel. "Da auch das Thema Euro-Bonds nicht explizit vom Tisch gewischt wurde - der italienische Präsident sieht durch die jüngsten Beschlüsse sogar eine Basis hierfür geschaffen - stellt sich aus Anlegersicht andererseits erneut die Frage eines sich allmählich veränderten Risikoprofils deutscher Staatsanleihen", sagt Ulf Krauss, Anleihenexperte bei der Landesbank Hessen-Thüringen.

Eine unmittelbare Auswirkung könnten die Beschlüsse schon in der kommenden Woche haben. Denn nun dürfte der Weg frei sein, dass die Europäische Zentralbank am Donnerstag den Leitzins senkt. Bisher hatte die Notenbank gezögert, weil sie nicht für die Politik in die Bresche springen wollte. Ob all diese Maßnahmen jedoch wirklich dazu beitragen, Europa aus der Krise zu führen, steht auf einem anderen Blatt.