Justiz

UN-Tribunal spricht Karadzic in einem Anklagepunkt frei

Mehr als zweieinhalb Jahre nach Beginn des Prozesses gegen Radovan Karadzic hat der frühere bosnische Serbenführer einen juristischen Etappensieg errungen.

- Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien sprach Karadzic am Donnerstag in einem Fall vom Vorwurf des Völkermordes frei. Die Anklage habe nicht genug Beweise vorgelegt, dass es sich bei der Vertreibung und Tötung von muslimischen Bosniern und Kroaten Anfang der 90er-Jahre um Völkermord gehandelt habe, erklärte der Vorsitzende Richter Kwon Oh-gon zur Begründung. Zehn weitere Anklagepunkte blieben allerdings bestehen. Sie sollen in den kommenden Monaten verhandelt werden.

Unter anderem muss sich Karadzic wegen des Massakers an muslimischen Jungen und Männern 1995 in Srebrenica wegen Völkermordes verantworten. Das Verfahren zu den restlichen Anklagepunkten wird in der zweiten Jahreshälfte fortgesetzt, die Beweisaufnahme der Verteidigung durch Karadzic ist ab dem 16. Oktober vorgesehen. Im Fall einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft.

Karadzic' Verteidiger Peter Robinson begrüßte die Entscheidung des Gerichts vom Donnerstag. Überlebende des Bosnienkriegs erklärten dagegen, das Urteil könne eine Versöhnung erschweren. "Wir sind entsetzt und enttäuscht", erklärte Edin Ramulic, Leiter einer Vereinigung von Opfern in der bosnischen Region Prijedor.

Der Strafgerichtshof hat wiederholt entschieden, dass es sich bei dem Massaker von Srebrenica um Völkermord handelte. Für Tötungen in bosnischen Ortschaften zu Beginn des Krieges wurde indes noch nie ein Angeklagter wegen Völkermordes verurteilt.

Karadzic war im 2008 in Belgrad festgenommen worden, 13 Jahre nach der ersten Anklageerhebung. Er hatte vor seiner Festnahme mit stark verändertem Äußeren als Dragan David Dabic unbehelligt in Belgrad gelebt und in einer Arztpraxis als Alternativmediziner gearbeitet. Zunächst war er in Belgrad inhaftiert; sein Anwalt hatte eine Beschwerde gegen die Auslieferung an das Haager Tribunal angekündigt, diese dann aber nicht eingelegt. Der echte Dragan Dabic arbeitet als Bauer und Bauarbeiter in Ruma. Karadzic gelangte an dessen Papiere und lebte unter falscher Identität. Der Prozess gegen Karadzic begann im Oktober 2009. Bis zum letzten Mai hatte die Staatsanwaltschaft 195 Zeugen aufgeboten.