Engagement

"Ich habe auf jeden Fall viel gelernt"

Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst: Es gibt viele Bewerber - aber auch viel Kritik

- Das Wochenende gibt Kristina Schröder (CDU) doppelten Grund zum Feiern: Zum einen wird die Tochter der Familienministerin, Lotte Marie, am Sonnabend ein Jahr alt. Zum anderen besteht eines ihrer Projekte am Sonntag genau ein Jahr: der Bundesfreiwilligendienst (BFD). Dieser war am 1. Juli 2011 gestartet, um das Ende des Zivildienstes - der dem Aussetzen der Wehrpflicht geschuldet war - zumindest teilweise zu kompensieren. "Wir können eine großartige Bilanz ziehen", sagte Schröder der Berliner Morgenpost. "Im ersten Jahr haben sich 50.000 Menschen daran beteiligt." Besonders freut die Ministerin, dass das, "was bisher über eine Dienstpflicht lief, jetzt fast nahtlos über Freiwilligkeit funktioniert".

Schröder geht so weit zu sagen, dass der BFD eine "politische Sensation" sei. Allerdings ist die Kritik seit dem Start nie abgerissen, sondern hat sich nur verlagert: Während im Juli 2011 Sozialverbände schwache Bewerberzahlen befürchteten - eine Angst, die sich nicht bestätigte -, kritisieren Opposition und Wissenschaftler heute vor allem die Umsetzung. Zumindest quantitativ ist der Bundesfreiwilligendienst aber ein voller Erfolg: Schon im Februar hatten erstmals 35.000 Bundesfreiwillige - kurz: Bufdis - Verträge unterschrieben. Genauso viele BFD-Stellen werden pro Jahr vom Bund mit 254 Millionen Euro gefördert. Die Abbrecherquote hat sich bei zehn Prozent eingepegelt und ist damit laut Familienministerium deutlich niedriger als etwa bei Ausbildungsberufen.

20 Prozent älter als 50 Jahre

Der in der Regel zwölfmonatige BFD steht allen weiblichen und männlichen Interessenten ab 16 Jahren offen - ohne Altersbeschränkung nach oben. Rund 64 Prozent der Teilnehmer sind 16 bis 26 Jahre alt. Schröder betont: "20 Prozent der Bufdis sind älter als 50 Jahre. Wir sprechen damit also nicht nur die Jungen, sondern auch die Älteren an" - den "Schreinermeister im Ruhestand, der in die Kita geht und mit den Kindern Vogelhäuser baut" ebenso wie die "pensionierte Lehrerin, die Kindern mit Migrationshintergrund bei den Hausaufgaben hilft". Die meisten Stellen werden im sozialen Bereich, etwa in der Pflege, angeboten. Doch Bufdis können auch in den Tätigkeitsfeldern Kultur, Sport, Umweltschutz und Integration arbeiten. Pro Monat erhalten sie ein Taschengeld von bis zu 336 Euro, teilweise werden auch Verpflegung und Unterbringung bezahlt.

Die Zwischenbilanz der Opposition zu Schröders Projekt fällt erwartungsgemäß schlecht aus: "Quantitativ ist der BFD angekommen", konstatiert zwar Sönke Rix, Berichterstatter der SPD-Bundestagsfraktion für Freiwilligendienste. Er betont aber: "Das Angebot muss qualitativ besser werden." So erfülle der BFD seine Funktion als Fortbildungsmöglichkeit noch nicht: "Es reicht nicht, wenn die Bufdis nur die 25 gesetzlich festgeschriebenen Tage an Seminaren teilnehmen." Eine individuelle Förderung in den Einsatzstellen, wie es sie bei den vor allem von den Länder geförderten Diensten Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) gebe, sei gesetzlich nicht festgeschrieben. Rix: "Ein großes Manko." Die Öffnung für alle Altersgruppen sei zudem riskant: "Es ist eine Gefahr, dass die Arbeitsagentur Arbeitslosen zum Bundesfreiwilligendienst rät, damit sie aus der Statistik kommen und ein bisschen Taschengeld verdienen."

"Bürokratiemonster geschaffen"

Die Opposition stört auch, dass mit dem BFD eine Doppelstruktur bei den Freiwilligendiensten entstanden ist: FSJ und FÖJ werden zivilgesellschaftlich von Verbänden vor Ort organisiert. Dagegen gibt es für den BFD mit dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Bafza) eine für die Durchführung zuständige Zentralbehörde, die zudem selbst Einsatzstellen anbietet. Der Staat tritt im Fall des BFD im traditionell zivilgesellschaftlich organisierten Engagementbereich also als mächtiger Akteur auf und sorgt damit für Konkurrenz zwischen den Diensten. Ulrich Schneider, jugendpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, findet: "Mit dem Bundesfreiwilligendienst wurde ein Bürokratiemonster geschaffen."

Während die großen Wohlfahrtsverbände oft die Kritik der Opposition am Bafza teilen - zu viel Bürokratie und staatliche Einflussnahme -, ziehen die meisten von ihnen ein positives Zwischenfazit. Der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Clemens Graf von Waldburg-Zeil, sagte der Morgenpost: "Wir haben rund 2500 Bundesfreiwillige beim DRK. Der Andrang ist jedoch so groß, dass wir etwa doppelt so viele Stellen besetzen könnten." Da das Kontingent bundesweit ausgeschöpft sei, forderte Waldburg-Zeil Schwarz-Gelb auf, die Mittel für den BFD 2013 aufzustocken. Ähnlich äußerte sich der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Wolfgang Stadler: "Die Awo sieht noch Ausbaupotenzial." Dieser Forderung steht aber ein finanzieller Grund im Weg: Eine Aufstockung der Bufdi-Stellen ist derzeit aus Etat-Gründen nicht drin. "Leider haben die Haushaltspolitiker aller fünf Bundestags-Fraktionen übereinstimmend gesagt, dass im Moment keine zusätzlichen Mittel vorhanden sind", sagte Schröder. "Damit muss ich leben."