Wahlkampf

"Man kann nicht nur die dicken Pralinen nehmen"

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Peter Issig und Thomas Vitzthum

CSU-Chef Horst Seehofer gibt den Anti-Röttgen. Verliert er im kommenden Jahr die Wahl, will er Oppositionsführer werden

- Das hätte man Horst Seehofer nicht zugetraut. Kaum verliert die CSU den Bürgerentscheid zur Erweiterung des Flughafens München und kaum formiert sich das oppositionelle Dreierbündnis aus SPD, Grünen und Freien Wählern neu, denkt der CSU-Chef an eine Rolle als Oppositionspolitiker. Zumindest spielt er ansatzweise durch, was wäre, wenn der Wahlerfolg 2013 ausbliebe. Er würde als Oppositionsführer weitermachen.

Seehofer mit Selbstzweifel? Mitnichten. Bester Laune erklärt er im Bayerischen Landtag, was hinter seiner ungewöhnlichen Äußerung steckt. "Rosinenpickerei, das geht nicht. Man kann nicht nur die dicken Pralinen nehmen und auf die harte politische Kost verzichten." Wer kandidiere, müsse dies mit allen Konsequenzen tun. Das hört sich nach einer Neuauflage seiner Tirade im ZDF an, als Seehofer dem damaligen CDU-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in NRW, Norbert Röttgen, nahegelegt hatte, sich eindeutig für das Bundesland zu entscheiden - auch für den Fall, dass das die Rolle des Oppositionsführers bedeuten würde. Das wollte der aber bekanntlich nicht - und verlor.

Wer so angreift, muss damit rechnen, dass ihm selbst auch einmal die Gretchenfrage gestellt wird. Der designierte CSU-Spitzenkandidat will da nicht wanken: "Wenn ich mich dafür entscheide, 2013 anzutreten, dann stehe ich auch für die komplette Amtszeit zur Verfügung - ob mich die Bevölkerung als Ministerpräsident will oder in der Opposition", sagte Seehofer der "Süddeutschen Zeitung". "Ich meine das ernst", schickte er hinterher. Entgegen früheren Ankündigungen überlegt er jetzt ernsthaft, einen Wahlkreis zu übernehmen.

So kommen die Oppositions-Äußerungen nur scheinbar zu einem kuriosen Zeitpunkt. Sie gehören zum Landtagswahlkampf. Denn die Niederlage beim Bürgerentscheid über die dritte Starbahn ist auch die Niederlage von Christian Ude, der als Münchner Oberbürgermeister Seite an Seite mit Seehofer für den Flughafenausbau gestritten hatte. Ude, der als Spitzenkandidat der SPD antritt, sagt nun, er wolle sich bedingungslos an das Votum halten. Aus dem Startbahn-Befürworter ist ein -Gegner geworden. Damit ist Ude wieder auf einer Linie mit seiner Partei, aber auch mit den potenziellen Koalitionspartnern. Beharrt Seehofer auf dem Bau der Startbahn und macht er die Wahl sogar zur Abstimmung über das Projekt, wie er ankündigte, wird er das heterogene Lager der Gegner zusammenschweißen.

In dieser Situation ergriff Seehofer nun die Möglichkeit, seinen Kontrahenten im Wahlkampf in die Linie des hedonistischen "Rosinenpickers" zu stellen. Ude hatte nämlich erklärt, dass er nur als Ministerpräsident, nicht aber als Oppositionsführer zur Verfügung stehe. "Nach Röttgen geht das nicht mehr", sagte Seehofer. Dabei von "Opposition" zu sprechen, erscheint dennoch einigen wie ein Tabubruch. "Ein Franz Josef Strauß hätte das Wort Opposition nie in den Mund genommen", sagt der Bundestagsabgeordnete Max Lehmer, der seit 43 Jahren in der CSU ist. "Das entspricht auch überhaupt nicht unserem Selbstverständnis. Die Stimmungslage darf uns nicht dazu verführen, überhaupt an Opposition zu denken. Die Leute erwarten Führung."

Die Umfragen sehen die CSU derzeit nicht auf der Oppositionsbank. 46 Prozent ermittelte Emnid im April. Die Opposition käme nur an diesen Wert heran, wenn die Piraten Teil einer Fast-All-Parteien-Koalition würden. Eine abwegige Vorstellung. Ohne die CSU kann also nicht regiert werden. "Dass Seehofer tatsächlich an die Oppositionsrolle gedacht hat, ist vollkommen hypothetisch, einfach nur Quatsch", sagt Alexander König, CSU-Fraktionsvize im Landtag.