Gesundheit

Kranke Kliniken

| Lesedauer: 3 Minuten

Jedes sechste deutsche Krankenhaus ist eigentlich pleite. Experten fordern die Schließung

- Der Kostendruck im Gesundheitssystem und der demografische Wandel werden einer neuen Studie zufolge in den kommenden Jahren in Deutschland zu einem massiven Krankenhaussterben führen. Dem aktuellen Krankenhausreport zufolge, den das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung gemeinsam mit dem Institute for Healthcare Business und der Beratung Accenture erstellt hat, ist die wirtschaftliche Situation in etlichen der rund 2050 Hospitale desolat. Befanden sich 2010 noch zehn Prozent der Unternehmen im "roten Bereich" erhöhter Insolvenzgefahr, seien es mittlerweile 15 Prozent, hieß es. Bis 2020, schätzen die Studienverantwortlichen, werden rund acht Prozent aller Kliniken für immer ihre Pforten schließen. Der "Krankenhaus Rating Report 2012" wurde auf dem Jahreskongress der Gesundheitsbranche vorgestellt, der bis Freitag in Berlin tagt.

Die schwierige Lage deutscher Kliniken beschäftigt Ärzte, Wirtschaft und Politik bereits seit Jahren: Mit mehr als 2050 Häusern gilt Deutschland als überversorgt, gerade auch vor dem Hintergrund der zunehmend knappen öffentlichen Kassen. Hinzu kommt die mangelnde Rentabilität vieler Kliniken - in deren Folge kaum Mittel übrig bleiben, um in Innovation und moderne Standards zu investieren. Der Studie zufolge erwirtschaften derzeit nur rund die Hälfte der Krankenhäuser ausreichend hohe Erträge, um ihre Unternehmenssubstanz zu erhalten. Langfristig würden die Kosten - vor allem durch höhere Energiepreise und Löhne - voraussichtlich stärker steigen als die Erlöse, hieß es.

Erwartungsgemäß schneiden die öffentlichen Häuser im Schnitt schlechter ab als die privaten Unternehmen, die von vorneherein einem höheren Rationalisierungsdruck unterworfen sind. Dem Report zufolge lagen 2010 insgesamt 18 Prozent der öffentlich-rechtlichen Häuser im "roten Bereich", bei den privaten waren es zwei Prozent. Mit einem Gesamtumsatz von 39,3 Milliarden Euro decken die öffentlichen Anbieter heute noch gut die Hälfte des hiesigen Krankenhausmarktes ab, auf die Privaten fällt ein Anteil von 16 Prozent, auf kirchliche Träger 32 Prozent.

De facto ist die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland in den vergangenen Jahren bereits stark zurückgegangen: Gab es 1991 noch 2411 Einrichtungen, so waren es 2010 noch 2064. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Patienten von 14,6 Millionen auf 18 Millionen. Der Report basiert auf einer Stichprobe von 705 Jahresabschlüssen aus dem Jahr 2009, sowie 286 Jahresabschlüssen aus 2010.

Die Autoren der neuen Studie haben einen nüchternen ökonomischen Blick. Sie fordern, kranke Kliniken nicht zu päppeln - sondern, aufzugeben und das Geld in Häuser mit modernen Strukturen und speziellen Angeboten umzuleiten. Spezialisierung heißt das Zauberwort. Immer mehr Kliniken würden privatisiert. "Denkbar ist, dass sich schließlich fünf große überregionale Klinikverbünde herauskristallisieren mit insgesamt rund 60 Prozent Marktanteil." Nicht alle der bedrohten Kliniken werden wohl schließen, wie der RWI-Experte meint. Wenn in dünn besiedelten Regionen weit und breit keine andere Möglichkeit besteht, müssten auch solche Häuser erhalten bleiben.

Bisher blockierten die Bundesländer durchgreifende Reformen - sie sind für den Bestand der Krankenhäuser zuständig, die Kassen für den Betrieb. Die Forscher schlagen nun vor, die Finanzierung auf eine neue Grundlage zu stellen und den Kliniken Behandlungsrechte zu geben, mit denen sie auch handeln können.

( BM )