Zinsniveau

Die Altersvorsorge der Deutschen ist in Gefahr

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Daniel Eckert und Kathrin Gotthold

Dauerhaft niedrige Zinsen lassen Wohlstandsträume fürs Alter platzen

- Hartmut Wagner hat alles richtig gemacht. Und fühlt sich doch betrogen. Als 1998 seine Tochter Lena geboren wurde, legte der Berliner Angestellte für sie einen Fondsparplan an. Wenn Lena mal studieren wollte, sollte genug Geld da sein. 14 Jahre später kann Vater Wagner seine Enttäuschung nicht verbergen. Der Fondssparplan auf europäische Aktien hat nicht die Kapitalverdopplung erbracht, die ihm vorschwebte. Im Gegenteil: Er hat ein Minus eingefahren.

Jeden Monat hat Wagner 14 Jahre lang 50 Euro in einen Fonds gesteckt, der in europäische Aktien investiert: 8400 Euro waren das insgesamt. Heute sind die Fondsanteile nur noch rund 7200 Euro wert, und das, obwohl der sogenannte Durchschnittskosteneffekt Wagner davor bewahren sollte, dass er "teuer kauft und billig verkauft", wie es an der Börse heißt. Der Durchschnittskosteneffekt bedeutet, dass man immer einen gleich bleibenden Betrag investiert, statt eine bestimmte Zahl von Anteilen zu kaufen. Dadurch sollen Preisübertreibungen nach oben gleichsam kupiert werden.

Hätte Wagner das Geld regelmäßig aufs Sparbuch gelegt oder auf ein Tagesgeldkonto eingezahlt, wäre er besser gefahren. Geht man von den marktüblichen Zinsen aus, stünde er heute mit 9600 bis 11.300 Euro da - je nach Angebot, auf jeden Fall aber ohne Verlust.

Renditen bei null Prozent

Wagner ist nicht der Einzige, den die Kapitalmarktentwicklung verzweifeln lässt. Eine ganze Generation von Vorsorgesparern und Anlegern fragt sich, ob die Kapitalmärkte das halten, was Ökonomen und Banker versprechen. Europäische Aktien sind heute im Schnitt nicht mehr wert als 1997. Von dieser Renditeeiszeit sind bisher vorwiegend Anleger betroffen, die sich über Fonds oder direkt an der Börse versuchten. Konservative Anleger merken davon bisher noch nicht so viel. Im Gegenteil: In der Finanzkrise haben deutsche Staatsanleihen, aber auch die Bonds hochsolider Unternehmen die stärkste Aufwertung der Geschichte erfahren. Wer nur Festverzinsliche hielt, fuhr in den vergangenen Jahren richtig gut. In den Jahren seit 1998 war mit deutschen Staatsanleihen eine jährliche Rendite von 5,3 Prozent zu verdienen, europäische Aktien verloren im gleichen Zeitraum 3,5 jährlich an Wert.

Doch auch die Rentenrallye kann nicht ewig weitergehen. Die Grenze liegt bei einem Zins von null. Kurz laufende Schuldtitel der Bundesrepublik sind bereits jetzt an diesem Punkt angelangt. Zweijährige Papiere bringen nur mehr 0,08 Prozent. Aber auch Industrieanleihen bieten allenfalls Zinsmagerkost.

Während viele Ökonomen noch abwiegeln und das jetzige Kapitalmarkt-Tableau für eine Verzerrung oder Ausnahmeerscheinung halten, sehen andere kein Entkommen aus dem Umfeld dauerhaft magerer Renditen. "Wir leben in einer alternden Gesellschaft: Das bedingt niedrige Zinsen, abflachendes Wirtschaftswachstum, stagnierende Unternehmensgewinne", sagt Guido Lingnau, Vermögensverwalter in Berlin. Aus Sicht von Lingnau haben die geburtenstarken Baby-Boomer im Laufe ihres Berufslebens schlicht viel mehr gespartes Vermögen angehäuft, als hierzulande sinnvoll investiert werden kann. Es finden sich einfach nicht mehr genügend rentable Anlagemöglichkeiten.

Für Anleger bedeutet das: Sie befinden sich in der Vorsorgefalle. Die Erträge, die sie sich von der privaten Vorsorge erwarten (und die ihnen teilweise in Aussicht gestellt wurden), sind schlicht nicht mehr zu erzielen, zumindest nicht, solange sie Wert auf Sicherheit legen. "Der niedrige Zins für Staatsanleihen ist ein wahnsinnig großes Problem", sagt Volker Wissing, finanzpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. "Wir haben damit eine Gefährdung der Altersvorsorge."

Wagner ist nur insofern ein Ausnahmefall, als er die Vorsorge selbst in die Hand genommen hat. Die große Mehrheit der Deutschen überlässt das Versicherungen und Banken. Doch die großen Kapitalsammelstellen stecken prinzipiell in dem gleichen Anlagedilemma wie der Familienvater. Aktuell schafft es die laufende Verzinsung der Policen in vielen Fällen immerhin noch fast auf beachtliche vier Prozent. Doch den Gesellschaften fällt es immer schwerer, diese Rendite am Markt zu erwirtschaften.

Versicherer in Not

Noch vor 13 Jahren konnten die Versicherer ihren Kunden einen Garantiezins von vier Prozent versprechen. Der Garantiezins ist der höchste Zins, den die Gesellschaften ihren Kunden von Gesetzes wegen in Aussicht stellen dürfen. Damit sollen Kunden wie Unternehmen vor überhöhten Versprechungen geschützt werden. In der Regel liegen die wahren Renditen, die die Policen abwerfen, deutlich höher.

Doch das Niedrigzinsumfeld nötigt den Gesetzgeber dazu, den Garantiezins mehr und mehr abzusenken. Aktuell liegt er nach einer Serie von Beitragssenkungen bei 1,75 Prozent für Neuabschlüsse. Die Entwicklung der Umlaufrendite zeigt, in welche Schwierigkeiten die Versicherungsbranche gerät: Die Umlaufrendite gibt die durchschnittliche Verzinsung der am Markt befindlichen öffentlichen Anleihen an. Daran orientiert sich, was Bank- und Unternehmensanleihen, aber auch Pfandbriefe und andere Festverzinsliche abwerfen.

Noch im Jahr 2008 lag die Umlaufrendite bei fast fünf Prozent. Anfang Juni hat sie ein historisches Tief bei 0,92 Prozent markiert. Die Versicherer versuchen dem Niedrigzinsdilemma zu entgehen, indem sie auf längere Laufzeiten ausweichen und vor allem alternative Investments wie Infrastruktur und erneuerbare Energien erschließen. Doch Letzteres dürfen Versicherer bislang nur begrenzt. "Die bisherige Sichtweise, Staatsanleihen sind sicher, die Realwirtschaft nicht, hält aber keiner Überprüfung mehr stand", sagt Wissing. Die Koalition zeigt sich daher offen, den Versicherern aus der Patsche zu helfen.