Kommentar

Länger leben, länger arbeiten

Stefan von Borstel über steigende Lebenserwartung und die Folgen für die Rente

Noch länger arbeiten? Rente erst mit 69 oder gar 70 Jahren? Nein, das ist keine Botschaft, die hierzulande gern gehört wird. Die OECD hat jetzt noch einmal den Finger auf die Wunde gelegt: Wenn die Menschen immer älter werden, und immer länger Rente beziehen, müssen sie auch immer länger arbeiten, rechnet die Organisation der Industrieländer vor. Sonst bricht das System der Alterssicherung zusammen. Auf sieben gewonnene Lebensjahre kommt die OECD in den nächsten 50 Jahren. Das ist ja erst mal eine schöne Nachricht.

Doch die schlichte Rechnung zeigt, was viele schon ahnen: Mit der Rente mit 67 ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Zumal die Deutschen nicht nur immer älter, sondern auch immer weniger werden. Kaum ein Land ist stärker vom demografischen Niedergang betroffen als Europas größte Volkswirtschaft. Sechs Millionen Arbeitskräfte werden 2025 fehlen. Allein mit Zuwanderern und arbeitenden Müttern wird sich diese Lücke nicht schließen lassen. Ohne die Alten geht es nicht.

Doch auch wenn der erste Rentner mit 67 erst in ein paar Jahrzehnten in den Ruhestand gehen wird: Wohl kaum ein Projekt ist so unbeliebt wie die Verlängerung der Lebensarbeitszeit. In einem Land, in dem sich jeder Zweite vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet. Neidisch blicken die Deutschen nach Frankreich, wo das Renteneintrittsalter gerade erst gesenkt wurde. Arbeiten jenseits der 60 gilt als Last, als unzumutbar, nicht nur für den immer wieder bemühten Dachdecker. Dabei waren die Deutschen im Alter noch nie so fit wie heute. Dass viele auch jenseits der 65 oder 67 noch arbeiten können und auch wollen, zeigt die steigende Zahl der Rentner, die sich etwas dazuverdienen oder ehrenamtlich engagieren. Und das beweisen auch viele Selbstständige, Künstler und auch Politiker, die jenseits der 70 noch aktiv sind. Es muss ja nicht immer Vollzeit sein.

Diese Beispiele zeigen auch, dass eine starre gesetzliche Altersgrenze für alle, wie sie im Industriezeitalter eingeführt wurde, nicht mehr in die Zeit passt. Warum kann nicht jeder selbst darüber entscheiden, wie viel und wie lange er arbeiten will? Wer sich noch fit fühlt und Spaß am Beruf hat, soll ruhig länger arbeiten und nicht mit dem gesetzlichen Renteneintrittsalter zwangspensioniert werden. So, wie es heute Abschläge für Frührentner gibt, muss es in Zukunft auch Zuschläge für Spätrentner geben. In Zukunft werden wir nicht nur später, sondern auch flexibler in Rente gehen. Gefragt sind gleitende Übergänge, individuelle Kombinationen von Arbeit und Ruhestand über Teilzeitmodelle und Teilrenten.

Die OECD schlägt auch vor, das Renteneintrittsalter formell an die Lebenserwartung zu koppeln. Dies ist ein interessantes Modell, das der politischen Debatte um eine notwendige Verlängerung der Lebensarbeitszeit einiges an Schärfe nehmen könnte. Wie die erbitterte Diskussion um die Rente mit 67 gezeigt hat, täte gerade den Deutschen mehr Sachlichkeit bei diesem Thema gut.