Proteste

"Insel ist kein Therapiedorf!"

Wie eine Gemeinde gegen zwei Sexualstraftäter kämpft - und sich mit der NPD verbündet

- Um kurz vor 18 Uhr halten zwei Busse in dem Dorf. Rund 70 Damen und Herren in dunklen Anzügen steigen aus und marschieren die Hauptstraße der zu Stendal gehörenden 400-Seelen-Gemeinde Insel hinauf. Vor dem Gemeindehaus stoppt die Formation, Kamerateams und Fotografen bringen sich eilig in Stellung, ein Transparent wird entrollt. Dann schreitet der Landtagspräsident von Sachsen-Anhalt an ein Mikrofon.

Das halbe Magdeburger Parlament ist am Freitag in das Altmarkdorf gereist. Man will ein Zeichen für Demokratie setzen in dem Ort, der sich seit elf Monaten in einem Belagerungszustand befindet. An den Ortseingängen stehen Dutzende Mannschaftswagen der Polizei, Gitter sperren eine der sieben Straßen ab. Sie sollen zwei Männer schützen, Hans-Peter W. (54) und Günther G. (64), ehemalige Sexualstraftäter, die im vergangenen Sommer hergezogen sind. Seitdem staut sich der Volkszorn in Insel. Eine Bürgerinitiative will die Männer vertreiben, immer wieder protestierten Anwohner vor ihrem Haus am Ende des Dorfs, auch Neonazis mischten sich unter die Demonstranten. Vergangene Woche dann eskalierte die Situation. Wütende Dorfbewohner versuchten, die Polizeiabsperrung zu durchbrechen.

In Insel, so ist es in diesen Tagen oft zu lesen, steht der Rechtsstaat auf der Kippe. Und deswegen zitiert Detlef Gürth (CDU) nun Artikel 1 des Grundgesetzes. "Die Würde des Menschen", beginnt der Parlamentspräsident seine Rede, "ist unantastbar." Vor dem Gemeindehaus haben sich zwei Anwohner auf einer Bank niedergelassen, um eine Zigarette zu rauchen. Misstrauisch beobachten die Männer in Jogginghosen die Politiker. Einer der beiden schüttelt den Kopf. "Das ist doch alles eine Farce", sagt er.

Viele fühlen sich nicht mehr sicher

Die meisten Anwohner sind zu Hause geblieben, haben die Rollläden heruntergelassen. Andere sind in die Nachbargemeinde Döbbelin gefahren. Dort hat die Bürgerinitiative zu einem Grillfest geladen. Sie wird an der Kundgebung nicht teilnehmen. Das Wort "Boykott" will Nico Stiller aber nicht hören. Der Sprecher der Bürgerinitiative redet sich schnell in Rage. "Uns wird vorgeworfen, dass wir die Menschenrechte nicht einhalten. Welche Rechte haben wir denn noch?", fragt der Familienvater, der als Vermesser arbeitet. Selbst ein Fernsehteam aus Japan war schon da, um über das Dorf zu berichten, das gemeinsam mit Neonazis demonstriert. Über pogromartige Stimmung wird geschrieben, von Menschenjagden ist die Rede. Eine Ministerin bezeichnete die Bürger als "tobenden Mob". Stiller sagt, er sei kein Unmensch. "Mir tun die beiden Männer auch irgendwie leid. Aber hier können sie einfach nicht bleiben." Wie so viele Dorfbewohner fühle er sich nicht mehr sicher. Die Frauen trauten sich nachts nicht auf die Straße, die Angst um die Kinder sei ständig präsent. Und die Politiker, die tun nichts. "Ein Dreivierteljahr lang haben wir um Hilfe gebeten, und jetzt kommen auf einmal busseweise die Oberlehrer an und wollen uns beibringen, was Demokratie ist. Das finde ich beschämend."

Die Situation ist festgefahren. Die Landespolitik hält ihre Kundgebung inmitten von beinahe menschenleeren Straßen ab, kaum ein Einwohner geht auf die Einladung zum Gespräch ein. Die Abgeordneten verweisen auf das Recht der ehemaligen Straftäter zur freien Wahl ihres Wohnorts, die Resozialisierung der beiden Männer müsse nun hier in Insel gelingen.

Hans-Peter W. und Günther G. halten sich an ihre Bewährungsauflagen, psychologische Gutachten hatten sie für ungefährlich erklärt. Doch vielen Anwohnern ist ein Interview im Gedächtnis geblieben, das die Männer kurz nach ihrer Freilassung "Spiegel TV" gaben. "Therapie ist für mich eine Art Hirnwäsche", sagte einer von beiden da. Wenn man ihn wieder wegsperren wolle, würde er gegebenenfalls eine Schusswaffe gebrauchen. Nachbarn, die sich dafür aussprechen, den beiden eine zweite Chance zu geben, werden von Mitbürgern gemobbt.

David Begrich vom Magdeburger Verein Miteinander warnt vor einem Präzedenzfall: "In der Öffentlichkeit darf nicht der Eindruck entstehen, dass es möglich ist, den Staat zu erpressen und ehemaligen Sexualstraftätern das Recht auf freie Wahl des Wohnorts zu beschneiden." Die Politik habe die Dynamik in Insel lange unterschätzt. Nur die Rechtsradikalen haben ihre Chance gleich erkannt. Anfang Oktober mischten sich erstmals Neonazis unter die Demonstranten. Begrich spricht von einer Symbiose: "Die Protestierenden haben die Neonazis in ihren Dienst genommen, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, und die Neonazis haben die Dorfbewohner für sich instrumentalisiert." Der Bürgermeister soll die Rechten damals als Gäste begrüßt haben, erzählen Beobachter.

Alexander von Bismarck (CDU) sieht das anders. Man habe erst "erlernen" müssen, sich der anreisenden Rechtsradikalen zu erwehren. Seine Gemeinde habe sich mittlerweile deutlich von den Neonazis distanziert. Bismarck ist die treibende Kraft hinter den rund 50 Bürgern, die wöchentlich gegen die neuen Nachbarn protestieren.

Versprechen der Landesregierung

Nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Praxis der nachträglichen Sicherungsverwahrung aufgehoben hatte, waren Hans-Peter W. und Günther G. entlassen worden. Sie hatten sich in der Haft in Baden-Württemberg kennengelernt. Im vergangenen Juli zogen sie gemeinsam nach Insel. Ein Tierarzt, der die Wellensittiche eines der beiden Männer behandelt hatte, vermittelte die Unterkunft. Als im August durchsickerte, um wen es sich bei den neuen Ortsbewohnern handelt, organisierte Bismarck den Protest, schickte Briefe nach Magdeburg. Im Oktober versprach die Landesregierung den Wegzug der ehemaligen Straftäter. Im Beisein des Innenministers unterschrieben die Männer ein Papier, in dem sie sich bereit erklärten, einen neuen Wohnort zu suchen. Ende Mai zog Hans-Peter W. nach Chemnitz, suchte die Anonymität der Stadt. Ohne Erfolg. Die NPD formierte sich vor seinem Haus. Nach drei Tagen kehrte er zurück nach Insel.

Nach allem, was in den vergangenen elf Monaten passiert sei, sagt Bismarck, sei eine Resozialisierung der Männer in seiner Gemeinde nicht mehr "machbar". Für ihn steht fest: "Insel ist kein Therapiedorf." Eine Lösung hat er nicht. Das sei Aufgabe der "bezahlten Politiker", die durch Insel laufen. Bismarck hat derweil das Familienschloss geöffnet, in seinem Park trifft sich die Bürgerinitiative zum Grillen. Auch er sieht das nicht als Boykott der Kundgebung. Er habe lediglich einen Zufluchtsort vor dem Medienrummel bieten wollen. Nicht wenige hätten das genutzt. Bismarck grinst.

Die Landespolitiker verbuchen ihre Veranstaltung hingegen als Erfolg. Zwar sind kaum Einwohner erschienen, aber auch die NPD ist nicht wie angekündigt aufmarschiert. Das Oberverwaltungsgericht von Sachsen-Anhalt hat in letzter Minute das von der Polizei verhängte Demonstrationsverbot bestätigt. "Das ist ein Sieg der Demokratie", verkündet Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) in der sinkenden Abendsonne. Er gibt noch ein paar Interviews, verspricht, man werde mit den Einwohnern von Insel "im Gespräch bleiben".