Staatsgeheimnisse

Beide Hände in der Marmelade

Ein Journalist hat die Papst-Briefe veröffentlicht. Sie zeichnen ein chaotisches Bild des Vatikans

- Ein Insider, der Staatsgeheimnisse weitererzählt, heißt im deutschen Sprachgebrauch "Maulwurf". In Italien nennt man solche Leute "Corvi", diebische Raben, vor denen nichts Glitzerndes sicher ist. Paolo Gabriele, der Kammerdiener des Papstes, wurde wegen seiner Vertrauenswürdigkeit in der päpstlichen Familie liebevoll "Paoletto" genannt, aber jetzt als "Corvo" enttarnt. Bei seiner Verhaftung hatte er beide Hände "nella marmellata", in der Marmelade, wie die Italiener sagen. Das heißt: Er wurde in einer erdrückenden Beweislage festgenommen, inmitten einer Unmenge an Dokumenten. Die Frage, die Rom derzeit am meisten beschäftigt, ist deshalb die, ob sich der Rabe bald in eine singende Nachtigall verwandeln wird, die umfassend über alle Hintermänner auspackt, für die Gabriele seinen spektakulären Geheimnisverrat begangen hat.

Zweiter Bestseller Nuzzis

In diesen Tagen möchte deshalb wohl keiner in der Haut Benedikts XVI. stecken, und auch nicht in der Haut des einen oder anderen hohen, verschwörerischen Prälaten, deren Namen wir noch nicht kennen. Aber vielleicht noch weniger in der Haut des Journalisten Gianluigi Nuzzi, der vor knapp zehn Tagen mit dem Bestseller "Sua Santità - Le Carte Segrete di Benedetto XVI" (Seine Heiligkeit - Die Geheimen Briefe Benedikt XVI.) die italienischen Feuilletons und Buchläden erobert hat. Nuzzi soll es nämlich gewesen sein, dem der Rabe Paoletto die geheimen Unterlagen zugespielt hat. Daraus hat er sein Buch gemacht. Es ist schon sein zweites, 2009 wurde bereits sein Enthüllungsbuch "Vatikan AG" über die Vatikanbank zum Bestseller. Jetzt droht Nuzzi Ärger. Der Vatikan spricht von einem "Diebstahl" von Unterlagen, und dafür sollen alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, auch Autor und Verleger.

Gewiss ist es ein beispielloser Akt der Piraterie: Nuzzi hat in seinem Buch Hunderte von Geheimdokumenten, Aktenvermerken und Notizen inklusive handgeschriebener Briefe des Papstes ausgewertet und allein 30 vertrauliche Schreiben vom Schreibtisch des Papstes als Faksimile angehängt. Nicht ganz so beispiellos ist die Kaltschnäuzigkeit, mit der er letzte Woche - vor der Verhaftung des Raben - seine Veröffentlichung noch als aufklärerischen Akt zu preisen versuchte, auf den die Informationsgesellschaft ein quasi heiliges Recht habe.

Seine Gewährsleute seien Überzeugungstäter, denen es um das Wohl der Kirche und Italiens gehe. Geld sei natürlich nicht an sie geflossen. Seit der Verhaftung Gabrieles aber hat zumindest Nuzzi mit dem Singen aufgehört. Dem Autor ist kaum mehr ein Wort zu entlocken. Nur einmal meldete er sich noch telefonisch bei Canale 5 und kritisierte schmallippig, dass Paolo Gabriele als Untersuchungshäftling im Vatikan festgesetzt sei.

Nuzzis Buch ist nicht der Anfang einer Reihe gezielter Indiskretionen, sondern nur deren letzter Höhepunkt. Schon im Frühjahr waren Unterlagen aus dem Vatikan an die Öffentlichkeit gelangt, die Machtkämpfe um den Papst nahelegten und Korruptionsvorwürfe gegen verschiedene Personen enthielten. Unter anderem wurde ein Brief des Apostolischen Nuntius in Washington an den Papst bekannt, der Missstände im Vatikan geißelte.

Strippenzieher Bertone

Andere Dokumente erweckten den Eindruck, der Präsident der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi, habe vertrauliche Dokumente weitergeleitet. Nuzzi selbst hatte Anfang des Jahres Briefe des Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone veröffentlicht, also des zweiten Mannes im Vatikan hinter Benedikt. In den Briefen bat Bertone den Papst, ihn trotz eines aufgedeckten mutmaßlichen Korruptionsfalls nicht zu versetzen. Das neue Buch enthält auf 315 Seiten Abschriften von Dutzenden authentischer Dokumente, die zusammen einmal mehr das Fresko chaotischer Zustände in der Römischen Kurie malen.

Chaotisch ist allerdings auch die Zusammenstellung der Dokumente, die mehr Hast als System verraten. Viele Papiere befassen sich mit inneritalienischen Vorgängen: von einem Abendessen des Papstes mit Italiens Präsidenten bis zur Absetzung vom Chefredakteur des "Avvenire", der Zeitung der italienischen Bischofskonferenz. Es gibt einen Brief des Talkshowstars Bruno Vespa, dem ein Scheck über 10.000 Euro für wohltätige Zwecke beilag - und in dem nebenbei um eine Privataudienz mit dem Papst nachgesucht wird. Der Kurienkardinal Paolo Sardi klagt über die mangelnde Koordination der verschiedenen Institute des Vatikans. Depeschen verschiedener Vatikan-Botschaften von Kamerun bis Jerusalem werden ebenso überliefert wie eine Unterrichtung Kardinal Velasio De Paolis, des Sonderbeauftragten des Papstes für die Legionäre Christi, über die prekäre Finanzsituation des Ordens. Ein aus deutscher Sicht besonders heikles Papier ist eine päpstliche Anweisung an den Nuntius in Berlin, Jean-Claude Périsset. Darin wird Périsset aufgefordert, "ein klares Wort des Protests" bei Kanzlerin Angela Merkel einzulegen, weil sie sich 2009 in die Frage eingemischt hatte, ob die exkommunizierten vier Bischöfe der Piusbruderschaft wieder in die Kirche aufgenommen werden sollten.

Die planlose Präsentation des vorgelegten Materials wirft die Frage auf: Was soll dieses Sammelsurium? Oder, kriminalistisch gefragt: Cui bono? Wem dient das Ganze? Es ist so ähnlich wie mit den Depeschen verschiedener US-Botschaften, die die Enthüllungsplattform Wikileaks im November 2010 veröffentlichte: Der eigentliche Erkenntnisgewinn ist gering - die Sensation besteht nur darin, überhaupt einmal hinter die Kulissen der päpstlichen Geheimdiplomatie zu blicken.

Hängen bleibt nach der anstrengenden Lektüre nur das diffuse Gefühl, dass der Papst selbst getroffen werden soll - und nicht etwa Kardinalstaatssekretär Bertone. Am Schluss stellt Nuzzi fest, dass für den Papst "die Einigkeit der katholischen Kirche" höchste Priorität habe. In der Zeit der Glaubenskrise versuche er zusammenzuhalten, was auseinanderstrebt.