Außenpolitik

"Wir stehen an Ihrer Seite"

Bundespräsident Joachim Gauck grenzt sich auf seiner Israel-Reise ausdrücklich von Günter Grass ab

- Vor einem schlichten hölzernen Schreibpult steht der Bundespräsident an diesem heißen Mittag. Joachim Gauck wirkt äußerst konzentriert. Mit der rechten Hand schreibt er, schreibt und schreibt. Eben erst hat der Bundespräsident das Mahnmal für die ermordeten Kinder besucht. Nun trägt er sich so ausführlich in das Gästebuch ein, dass einige aus seiner Entourage ungeduldig werden. Gauck aber lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, schon gar nicht an diesem Ort.

Durch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wurde er am Vormittag geführt, dann setzte er Fuß vor Fuß im Dunkel des Mahnmals für die ermordeten Kinder, in dem vielfach spiegelnde Kerzen an das Schicksal der Opfer erinnern. Ein Name nach dem anderen wird hier verlesen. Ein Jahr, fünf oder acht Jahre waren diese Kinder alt, als Deutsche sie umbrachten.

Mit diesen Eindrücken steht Joachim Gauck an dem Schreibpult aus hellem Holz, und er hat sich dafür entschieden, mehr auszudrücken, als es üblich ist. Er möchte nicht nur einen Gästebucheintrag loswerden. Es ist ein eigenwilliger, individueller Akt, mit dem der Bundespräsident ein Zeichen setzen will. Die ihm von seinen Mitarbeitern vorgeschlagene Formel hat er zur Seite gelegt. Stattdessen formulierte Gauck während der Reise eigenhändig Worte. Der Schluss- und Schlüsselsatz lautet: "Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften."

Es ist Joachim Gaucks erster Staatsbesuch und seine erste außereuropäische Reise. Das Ziel Israel ist mit Bedacht gewählt. Ebenso bewusst hatte das Bundespräsidialamt die Reise zu einem bestimmten Zeitpunkt bekannt gegeben: Dies geschah, kurz nachdem Günter Grass mit einem israelkritischen "Gedicht" Wirbel ausgelöst hatte, ein Einreiseverbot für Grass nach Israel verhängt wurde und allerlei Stimmen verlangten, nun müsse sich der Bundespräsident zu Grass äußern. Gauck vermied im April ein schnelles Statement, wo ihm ein bissiger Satz gewiss auf den Lippen gelegen haben mag. Mit dem Schriftsteller verbindet ihn politisch wenig. Nun sagt Gauck: "Günter Grass hat seine persönliche Meinung geäußert. Das darf er. Ich stimme ihm ausdrücklich nicht zu."

Emotional und politisch

Fundiert formuliert gibt er in Israel, wo über Grass noch immer diskutiert wird, noch eine Antwort. Mit seinen Worten am Mahnmal für die ermordeten Kinder erweist sich Gauck als eine Art Anti-Grass. Gauck wendet sich in der zweiten Person an seine Adressaten, beginnt emotional und endet politisch. "Wenn du hier gewesen bist, sollst du wiederkommen", schreibt er in das Gästebuch. Die "Flut der Gefühle" über das Ausmaß des Bösen erwähnt er, benennt das Mitleiden, Mitfühlen, Trauern. Die Botschaft des Theologen Gauck im Mahnmal ähnelt Segensworten, wie sie am Ende von Gottesdiensten gesprochen werden. Dabei handelt es sich gewissermaßen um einen "negativen" Segen, um einen Schuldsegen. "Namen der Täter, deutsche zumeist, Verursacher, Vollstrecker, auch Namen von Schreckensorten wirst du dir einprägen und wirst erschrecken vor dem brutalen Interesse von Herrenmenschen", schreibt er.

In seiner Rede beim Staatsbankett am Abend sagt Gauck dann: "Als junger Mann, gerade erwachsen geworden, habe ich versucht, einen Zugang zur Schoah zu finden. Völlig fassungslos stand ich da mit einem Buch über den Nationalsozialismus und fand weder einen Gesprächspartner noch verständnisvolle Worte für mein Entsetzen. Heute noch - mit 72 - ist mir dieser Schmerz und dieses Schweigen in bedrückender Erinnerung." Er schildert, wie er in der "antizionistischen" DDR schließlich doch Wege fand, Israelis zu treffen. Und er sagt: "Wir stehen an Ihrer Seite, wenn andere die Sicherheit und das Existenzrecht des Staates Israel infrage stellen. Den friedliebenden Kräften reichen wir die Hand. Jenen aber, die Sie bedrohen, treten wir entschlossen entgegen."

Feine Abgrenzung von Merkel

Drei- oder viermal war Gauck nach 1989 in Israel. Kundig lässt er sich durch das Museum der Gedenkstätte Yad Vashem führen, entlang der Fotos und Filme, der Dokumente, der Überbleibsel der Opfer der Schoah, vorbei an Kämmen, Nagelfeilen, Parfümfläschchen. Als ihm Briefe überlebender Kinder präsentiert werden, berichtet Gauck von Kinderbriefen, die der von ihm einst geleitete Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie" ediert hat. Die Geschichten der Helfer, sagt Gauck, seien bislang zu wenig erzählt worden. Der Grund liegt für ihn auf der Hand: Jeder, der Juden half, widerspreche der Formel "Du konntest ja nichts machen". Gauck offenbart mit Fragen und Kommentaren, wie intensiv er sich mit dem Holocaust befasst hat. Bald beginnt die Museumsmitarbeiterin ihre Sätze mit "Sie kennen das ..." oder "Sie wissen, dass ..."

So wie Gauck einen Sinn besitzt für symbolische Gesten, so setzt er eine weitere politische Botschaft. "Das Eintreten für die Sicherheit und das Existenzrecht Israels ist für deutsche Politik bestimmend", sagt er am Morgen im Präsidentenpark. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte Israels Sicherheit vor vier Jahren sogar als Teil der "deutschen Staatsräson" bezeichnet. So weit indes will der sprachsensible Gauck nicht gehen. Auf Nachfrage sagt er später, ihr Begriff könne die Kanzlerin in "enorme Schwierigkeiten" bringen. Der Unabhängige aus dem Schloss Bellevue meint einen möglichen Krieg, er verweist darauf, wie wenig die Deutschen Auslandseinsätze der Bundeswehr mögen. "Ich will nicht in Kriegsszenarien denken", grenzt sich Gauck von der Kanzlerin ab. Dann fügt er hinzu, Deutschland "sollte das allerletzte Land sein, das Israel seine Solidarität und Freundschaft aufkündigt".