Kirche

Hochverrat im Vatikan

Leck der "Vatileaks" befand sich in unmittelbarer Nähe des Papstes. Kammerdiener wird verhört

- Die Nachricht schlug in Rom ein wie eine Bombe: Am Donnerstagnachmittag gab es eine erste spektakuläre Festnahme in dem Prozess des fortgesetzten und systematischen Geheimnisverrats und gezielter Indiskretionen seit Anfang des Jahres, für den nicht die italienische Presse, sondern der vatikanischen Pressesprecher Federico Lombardi schon vor Wochen den Begriff der "Vatileaks" geprägt hat. Seit Freitagfrüh wird der Verdächtige von der Staatsanwaltschaft verhört. Ihm wird Diebstahl vorgeworfen. Wertvolle Auskünfte werden von ihm aber nun auch über die Hehler erwartet, an die er seine heiße Ware losgeworden ist. Die Verhaftung ist ein befreiender Durchbruch hinter den Mauern des Vatikans, wo Diskretion und Verschwiegenheit bisher als Tugenden galten wie in vielleicht kaum einem anderen Gemeinwesen der Welt.

Der Papst aber ist "tief betrübt und erschüttert" über diesen Fahndungserfolg, und das wird ihm keiner verdenken können. Mit dieser Verhaftung ist ihm quasi sein Schatten abhandengekommen. Denn der Verhaftete ist Paolo Gabriele, der hier bisher als frommer Mann bekannt war. Vor allem aber war er Teil der sogenannten päpstlichen Familie, des engsten und intimsten Kreises um den "Santo Padre", wo er auch Päulchen (Paoletto) hieß. Er war der freundliche und elegante Kammerdiener seiner Heiligkeit mit besten Manieren, der oft vorne in dem offenen Mercedes des Papstes neben dem Fahrer und vor dem Privatsekretär Georg Gänswein saß. Er war einer der wenigen Laien, die Zugang zum päpstlichen "appartamento" hatten. Der Vatikanbürger half dem 85-Jährigen beim Aufstehen und Anziehen. Er folgte ihm bei Audienzen. Er servierte das Mittagessen und saß mit am Tisch. Am Abend bereitete er das Zimmer des Papstes zur Nachtruhe vor. Er begleitete ihn bei seinen Reisen und hatte Zugang zu allen Schlüsseln der privatesten Welt des Pontifex. Dass es sich nun bei seiner Festnahme nur um einen rasch gesuchten und verhafteten Sündenbock handeln soll, wie von Teilen der italienischen Presse ventiliert wird, kann ausgeschlossen werden.

Im Besitz vertraulicher Akten

Bei seiner Festnahme war er im unerlaubten Besitz vertraulicher Akten, die ihm das Leugnen auch schwergemacht hätten. Es war nicht nur ein Papier in seiner Tasche. Es war eine ganze Reihe klassifizierter Dokumente, die sich in seiner durchsuchten Wohnung fanden und zu seinem Nachteil bestens in eine Reihe von rund 30 vertraulichen Schreiben vom Schreibtisch des Papstes einreihten, die seit letzter Woche in Faksimile ein Enthüllungsbuch des Journalisten Gianluigi Nuzzi zieren, das den sprechenden Titel hat: "Sua Santità - Le Carte Segrete di Benedetto XVI." (Seine Heiligkeit - Die geheimen Briefe Benedikt XVI.). Ein krimineller "Diebstahl" sei ganz schlicht die Grundlage dieses Buches, hatte es nach der Veröffentlichung aus dem Vatikan geheißen, für den die Verantwortlichen ausfindig gemacht und zur Rechenschaft gezogen werden sollten.

Das war keineswegs eine leere Drohung, wie sich jetzt zeigt. Ob nach der Verhaftung "Päulchens" auch in Zukunft noch geheime Papiere des Papstes an die Öffentlichkeit gelangen, werden die nächsten Wochen zeigen. Der Fluss von vertraulichen Dokumenten direkt vom Schreibtisch des Papstes in die Bücher sogenannter Enthüllungsjournalisten dürfte damit vorerst aber wohl ein Ende gefunden haben.

Einen zweiten "Maulwurf" wie Paolo Gabriele kann es in der Welt des Vatikans kaum mehr geben. Ein ähnlicher Fall ist Jahrzehnte her, als der Leibarzt des Papstes Fotos von Pius XII. auf dem Sterbebett verkaufte. Gabriele ist 46 Jahre alt und wohnte mit seiner Frau und drei Kindern in der Via Porta Angelica gleich vor den Mauern des Kleinstaats. Sicherlich wird er nicht der einzige Verdächtige in dem ganzen Verratskomplex bleiben. Da der Vatikan kein Gefängnis und auch keine "Bleikammern" hat, wird er bis auf Weiteres in einem sogenannten Sicherheitsraum verwahrt, bewacht und verhört. Was seine Motive waren, welche Höchststrafe ihn erwartet, und inwieweit für den Fall die Lateranverträge zwischen dem italienischen Staat und dem Vatikan studiert und neu ausgewertet werden müssen, all dies ist jetzt noch völlig unklar. Der Vatikan wird ihn nicht hängen und hat auch kein Zuchthaus für eine lange Haftstrafe. Gewiss scheint jetzt nur, dass Paolo Gabriele mit dem Vertrauensbruch zuallererst sein eigenes Leben zerstört und das seiner Familie schwer beschädigt hat.

Papst schwer erschüttert

Auch dies wird Benedikt XVI. in diesen Pfingsttagen schwer erschüttern. Als Theologe ist ihm nicht fremd, dass seit Judas der schlimmste Verräter oft mit am Tisch sitzt. Als Philosoph könnte es ihn vielleicht heiter stimmen, dass ihm mit dieser Enttäuschung höchst schmerzhaft eine Täuschung abhandengekommen ist. Als Mensch wird ihn das alles wenig trösten. Dennoch verspricht die Verhaftung nun ein Ende des Schreckens vor dem durch den Verrat auf den Fluren des Päpstlichen Palastes gesäten Misstrauen. Die Verhaftung ist auch eine relativ rasche Belohnung für die vor wenigen Wochen noch sehr belächelte Entscheidung des Papstes, den Kriminalfall einer mit drei pensionierten Kardinälen besetzten Untersuchungskommission anzuvertrauen. Es sind die ehrwürdigen Herren Julian Herranz (82), Jozef Tomko (88) und Salvatore de Giorgi (82), deren Kombinationskünsten und Menschenverstand dieser spektakuläre Fahndungserfolg nun zugerechnet werden muss. Nun wartet allerdings die Lösung der kniffligsten Frage auf sie. Es ist die uralte harte Nuss der Kriminalisten: Cui bono? "Wem hat das Ganze genutzt?"