Familie

"Hotel Mama" ist in Italien beliebter als in Deutschland

Enge Familienbande, finanzielle Vorteile: Warum Südeuropäer häufiger zu Hause wohnen bleiben

- Der Tag des Auszugs aus dem Elternhaus kann immer noch ein Tag der Befreiung sein - jedenfalls für die Eltern. Die Zeiten, da Jugendliche sich nichts sehnlicher wünschen, als sich von zu Hause abzunabeln, sind bekanntlich vorbei. Im vergangenen Jahr lebten laut Bundesamt für Statistik 38 Prozent der männlichen Bevölkerung im Alter von 25 Jahren noch bei den Eltern, und von den 30-Jährigen genossen immerhin 13 Prozent die Vorzüge von "Hotel Mama". Diese Nesthockerei erscheint allerdings harmlos, wenn man sie mit der Beharrlichkeit vergleicht, mit der junge Leute im Süden Europas am Elternhaus kleben.

So bleiben in Spanien 40 Prozent der Männer im Alter zwischen 25 und 34 Jahren ihrem Kinderzimmer treu, in Italien sind es mehr als jeder zweite und in Kroatien fast alle: 77,5 der jungen Kroaten leben im Haushalt der Eltern. Die Grafik, die nun das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung veröffentlicht hat, zeigt, dass Nesthockerei in Nordeuropa dagegen ein eher seltenes Phänomen sind: In den Niederlanden bleiben lediglich rund zehn Prozent der jungen Männer bei den Eltern, in Dänemark fast niemand.

Bei den jungen Frauen ist die Neigung zur Nesthockerei in allen Ländern wesentlich geringer. Im europäischen Durchschnitt wohnen 20,8 Prozent der jungen Frauen mit einem oder beiden Elternteilen zusammen, bei den Männern sind es 34,4 Prozent. Das ist in beiden Fällen viel mehr als in Deutschland: 19,9 Prozent bei den Männern und 9,5 Prozent bei den Frauen. Der Schritt ins Erwachsensein wird also immer noch früher unternommen als in vielen anderen Ländern Europas.

Was das "Hotel Mama" so attraktiv macht und ob das tatsächlich ein Problem ist oder nicht eher ein Beweis für ein innigeres Familienleben, sind Fragen, die je nach Land ihre Antworten finden. In Südeuropa, wo die Familienbande stärker ausgeprägt sind, ist es, wie es Christian Fiedler von Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung formuliert, "traditionell keine Schande, wenn man als Erwachsener zunächst bei seinen Eltern" bleibt. Die eigene Hochzeit war lange der wichtigste Grund auszuziehen: Wer eine Familie gründet, braucht sein eigenes Nest.

Aber auch mit handfesten ökonomischen Gründen hat dieser Unterschied der Aufbruchssignale zu tun. Die Schulabgänger in Italien, sagt Alessandra Rusconi vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, hätten gar nicht das Geld für eine eigene Bude: Denn Ausbildungsförderungen wie BAföG seien in Italien eher unbekannt. Noch ein Unterschied zu Deutschland: Ein Großteil der Italiener lebt in Eigentumswohnungen. Üblicherweise halfen Eltern ihren Kindern, einen eigenen Hausstand zu gründen, indem sie sie beim Erwerb einer Wohnung unterstützen. In heutigen Krisenzeiten ist das nicht mehr drin. Also bleiben die Kinder im Elternhaus.