Wahlen

Wo schlägt das Herz von NRW?

Heute wird zwischen Rhein und Ruhr gewählt. Das Land hat viele Facetten, und die Bewohner plaudern gern

- Der Münsteraner geht ja immer ein bisschen erhobenen Hauptes umher. Das sagen zumindest die, die jeden Samstag aus dem Umland nach Münster kommen, um hier einzukaufen. Sie stellen ihre Autos auf den größten Parkplatz Deutschlands, vor das Münsteraner Schloss, wo Behinderte in kleinen Häuschen sitzen und die Parktickets verkaufen. "Darf man noch Behinderte sagen?", fragt ein Mann seine Frau, die mit den Achseln zuckt, das darf man wohl, "du meinst es ja nicht böse", antwortet sie. Das alles diene ja einem guten Zweck, das Geld komme schließlich diesen Menschen zugute. Ein guter Platz ist das, um sein Auto abzustellen - viel Mercedes, viel BMW, besonders viele Geländewagen mit Anhängerkupplungen zum Pferdetransport.

Man sagt den Westfalen eine gewisse Sturköpfigkeit nach. So recht hat man sich hier noch nicht damit abgefunden, Teil dieses Landes zu sein: Nordrhein-Westfalen, seit 1946 wächst hier zusammen, was ja doch nicht zusammenpasst, von Düsseldorf aus regiert, zum Leidwesen der meisten Münsteraner die meiste Zeit sozialdemokratisch. Nun wird also wieder gewählt, dabei hat man doch erst vor zwei Jahren seine Stimme abgegeben. "Eigentlich ist mir ja egal, wer uns regiert", sagt eine Frau, deren Kind fasziniert einen grünen Ballon anstarrt, sie hoffe nur, dass diesmal klare Verhältnisse herrschen. Geordnet, gesittet - in Münster können nur wenige was mit dem ganzen Wahl-Gedöns anfangen.

Parkplätze sind wichtig

Parkplätze sind eine wichtige Sache in NRW, eigentlich alles, was mit Verkehr zu tun hat. Das weiß man auch in Oberhausen, wo das größte Einkaufszentrum des Landes steht. "Neue Mitte" heißt es, und das Parken ist frei, was wohl den Erfolg dieses Projekts erklärt, ein Projekt übrigens, das immer noch nicht unumstritten ist im Ruhrgebiet. Ziemlich sauer waren damals die alteingesessenen Ladenbesitzer über die "Neue Mitte", die der alten Mitte das Wasser abgegraben hat. Und nicht nur der: Aus dem ganzen Ruhrgebiet und vom Niederrhein kommen die Leute nun nach Oberhausen, an der A 42 staut sich der Verkehr regelmäßig am Samstagvormittag.

Ob hier das Herz dieses seltsamen Landes schlägt, hier in der "Neuen Mitte", diesem Kunstprodukt, Mitte der 90er-Jahre aus dem Boden gestampft? Wo Familien mit Tabletts in der "Coca-Cola-Oase" einen Tisch suchen und türkische Jugendliche sich vor den Schaufenstern der Elektronik-Läden die Nase platt drücken?

Heike Kemper sitzt auf einer Bank und ruht sich aus. Eigentlich wartet sie auf ihren Mann, der ihr einen Kaffee mitbringen soll. "Als das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt war, dachte ich, dass wir dadurch einen Aufschwung bekommen", sagt sie. Und sicherlich sei auch etwas passiert, zumindest das Klischee vom schmutzigen Pott sei ein bisschen widerlegt worden in dieser Zeit. "Leider war das aber nicht nachhaltig genug", fügt sie hinzu. Kemper arbeitet bei einer Marketing-Gesellschaft, deren Auftraggeber Städte und Gemeinden in NRW sind. Deshalb weiß sie auch, wie schön dieses Land ist. "Man unterschätzt Nordrhein-Westfalen ja immer. Eine Stadt aus Bayern etwa habe es da leichter, sich darzustellen, und selbst Städte im Osten hätten für Touristen den Reiz des Neuen." Ihr Mann kommt mit dem Kaffee, die Kinder sind heute bei der Oma untergebracht, die Eltern kaufen ein. Georg Kemper schaut sich um und sagt: "Das ist hier sicherlich nicht Florenz, aber man bekommt alles, was man braucht." Nein, Köln sei keine Metropole, nein, Düsseldorf sei nicht elegant, und nein, das Ruhrgebiet sei nicht aufregend, sagt er. "Nordrhein-Westfalen hat nette Ecken, aber etwas Besonderes ist es nicht." Er sagt dies mit einem seltsamen Stolz, wie jemand, der nichts beweisen muss.

Vielleicht muss man sich ja die Bundesländer wie eine große Familie vorstellen. Da wäre dann Hamburg die vornehme Tante, Baden-Württemberg der reiche Unternehmer, Bayern der selbstverliebte, ein bisschen zu laute Gernegroß, und Berlin der Familienclown mit den wirren Ideen, über den der regelmäßig tagende Familienrat den Kopf schüttelt. Die Verwandtschaft aus dem Osten würde immer noch ein bisschen belächelt, und das Saarland wäre das Schmuddelkind, während Schleswig-Holstein und Niedersachsen bei Familientreffen früh wieder nach Hause fahren, weil sie am Morgen ja schon wieder Ställe ausmisten und Kühe melken müssen. Nordrhein-Westfalen wäre in dieser Familie so etwas wie die bodenständige Tante, unprätentiös, vernünftig, warmherzig, aber ein bisschen langweilig. Man kann sich fragen, ob es ein Zufall ist, dass viele Menschen in NRW ein ähnliches Bild von Hannelore Kraft haben.

Die Plakate von ihr hängen auch in Köln, das sich ja immer ein bisschen als die Diva vom Rhein versteht. Da ist der Dom und die dazugehörige Platte, da ist der Bahnhof und die Hohenzollernbrücke, wo die Liebespaare Vorhängeschlösser anbringen, um zu zeigen, dass sie zusammengehören. Auch Kevin und Maja machen das, 19 und 18 Jahre alt, kommen "natürlich" aus Köln, um zu betonen, dass eben nicht nur Touristen diesen neuartigen Brauch in Köln pflegen. Den Schlüssel für ihr Schloss haben sie in den Rhein geschmissen. Kevin und Maja wollen nach dem Abi im Rheinland bleiben, am liebsten in Köln, vorerst zumindest. Sie wollen studieren, erst mal zu Hause wohnen bleiben und dann irgendwann nach Berlin oder ins Ausland gehen. Das Herz von NRW sei Köln, sagen die beiden, hier sei auch "szenemäßig" am meisten los, die Stadt ist jung, und auch "der Karneval ist nicht so spießig".

Vielleicht sind es ja nicht die jungen Leute, mit denen man über Nordrhein-Westfalen reden sollte, vielleicht nicht die vernetzten, globalisierten und erst recht nicht die Verliebten, die über dieses Land befinden sollten, das größte Land Deutschlands, Land von Stahl und Kohle und Chemie und Vanillepudding (schließlich hat der Oetker-Konzern seine Zentrale in Bielefeld). Vielleicht sollten die Alten zu Wort kommen, die das alles aufgebaut haben. In Duisburg treffen sie sich, genau wo die Ruhr in den Rhein fließt. Irgendeiner sitzt immer auf einer der Bänke, von denen aus man so einen schönen Blick auf das Rheinhausener Stahlwerk hat, auf die Frachtschiffe und die Ausflugsdampfer.

"Schön ist es hier schon"

Bernhard, der früher Schlosser war, sagt, dass er sich oft einsam fühlt seit seiner Scheidung vor mehr als 20 Jahren, Hans, früher Stahlarbeiter, erzählt vom Hafenbecken, das immer wieder versande, weshalb alle paar Monate ein Baggerschiff kommen müsse, vergangene Woche erst sei eines da gewesen. Einer von ihnen, der seinen Vornamen nicht in der Zeitung lesen will, weil er mal Vorstandsfahrer von Thyssen/Krupp war, berichtet von Marxloh und wie toll es die Ausländer dort treiben, was die anderen genügsam zur Kenntnis nehmen. "Nee, schön is et hier schon", sagt Bernhard, den die Wahl in Düsseldorf kalt lässt. Der Rhein fließt ruhig. Und die Ruhr fließt ruhig, nach Norden, wo der Himmel sich leicht rot färbt.