Justiz

Heiliger Krieg im Gerichtssaal

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Der Prozess gegen die "9/11"-Drahtzieher beginnt chaotisch - jahrelanges Verfahren droht

- Wenn die US-Regierung darauf gesetzt haben sollte, dass die Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001 schnell verurteilt werden, dann dürfte sich die Hoffnung seit der Nacht zu Sonntag erledigt haben. Der Prozessauftakt vor einem Militärgericht auf dem Stützpunkt Guantánamo auf Kuba versank im Chaos. Khaled Scheich Mohammed und vier Mitangeklagte verweigerten die Aussage, beteten und ignorierten den Richter. Die für wenige Stunden angesetzte Anklageverlesung dauerte schließlich 13 Stunden. Bis zu einem Urteil können noch Jahre vergehen.

Neben dem 47-jährigen Pakistaner Mohammed, der als Chefplaner des inzwischen getöteten Al-Qaida-Anführers Osama Bin Laden galt, müssen sich der Saudi-Araber Mustafa Ahmad al-Hawsawi, Mohammeds Neffe Ali Abd al-Asis Ali sowie die Jemeniten Ramsi Binalshibh und Walid Bin Attasch für eine Verwicklung in die Anschläge auf das World Trade Center in New York sowie das Pentagon nahe Washington verantworten. Ihnen werden Mord in 2976 Fällen, Terrorismus und Flugzeugentführung vorgeworfen. Bei der Verlesung der Anklageschrift waren die Inhaftierten das erste Mal seit mehr als drei Jahren öffentlich zu sehen.

Die US-Regierung versucht bereits zum zweiten Mal, die Anschläge des Terrornetzwerks al-Qaida juristisch aufzuarbeiten. Vor mehr als drei Jahren war der Prozess unterbrochen worden, weil US-Präsident Barack Obama die Fälle vor einem Zivil- statt einem Militärgericht verhandeln lassen wollte. Dies scheiterte am Widerstand der Stadt New York, den Prozess dort stattfinden zu lassen, und letztlich an der Ablehnung durch den Kongress.

Die fünf Beschuldigten erschienen in weißen Gewändern vor Gericht, zum Teil trugen sie weiße Kopfbedeckungen. Mohammed hatte seinen langen Bart offenbar mit Henna gefärbt. Neun Stunden lang verweigerten sie jegliche Aussage, lasen in einem Buch, das aussah wie der Koran, starrten auf den Boden oder knieten nieder zum Gebet. Zudem weigerten sie sich, Kopfhörer zur Übersetzung zu tragen.

Beobachter rechnen mit einem langwierigen Verfahren. Die Anklageverlesung "ist nur der Beginn eines Prozesses, der Jahre dauern wird", sagte der Anwalt James Connell, der den Angeklagten Ali vertritt. "Ich kann mir kein Szenario ausmalen, in dem diese Sache innerhalb von sechs Monaten abgeschlossen wird."

In den USA verfolgten Angehörige der Opfer das Verfahren per Videoübertragung. Das Verhalten der Angeklagten erregte ihren Unmut. Debra Burlingame, deren Bruder Charles im Pentagon starb, war entsetzt: "Sie tragen den Heiligen Krieg in den Gerichtssaal."

( BM )