Wahlen

Sogar der bürgerliche Bayrou wählt Hollande

Unterstützung für Nicolas Sarkozy sinkt rapide

- François Bayrou war stets überzeugt, dass er berufen sei, eines Tages Präsident der Republik zu werden. Der gläubige Katholik soll Vertrauten sogar einst erzählt haben, eine Marienerscheinung habe ihm diese berufliche Perspektive in Aussicht gestellt. Doch nachdem der Zentrumspolitiker in der ersten Runde der französischen Präsidentenwahl mit gerade einmal neun Prozent der Stimmen nur auf dem fünften Platz gelandet war - und sein Stimmenanteil gegenüber der Wahl 2007 um die Hälfte zurückgegangen ist -, dürften ihm leichte Zweifel gekommen sein, ob sich die Verheißung noch erfüllt. Nach drei erfolglosen Präsidentschaftskandidaturen entpuppt sich der politische Pfad des Vorsitzenden des zentristischen Mouvement Démocrate (MoDem) als Sackgasse.

Auf einer Pressekonferenz erklärte Bayrou nun, er "persönlich" werde am Sonntag für François Hollande stimmen. Eine Wahlempfehlung für die Anhänger seiner Bewegung sprach er allerdings nicht aus. Umfragen gehen davon aus, dass die MoDem-Anhänger in der Stichwahl sich zu etwa gleichen Teilen auf Hollande, Sarkozy und Enthaltung verteilen werden. Bayrous Entscheidung ist ungewöhnlich, weil das bürgerliche Zentrum traditionell der konservativen UMP nähersteht als der Linken. Bayrou entstammt der bürgerlich-liberalen Partei UDF und war in den 90er-Jahren Bildungsminister der konservativen Premierminister Edouard Balladur und Alain Juppé. Schon 2007 - als er mit 18 Prozent als starker dritter Mann hinter Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal aus der ersten Wahlrunde hervorging - hatte Bayrou erklärt, nicht für Sarkozy stimmen zu wollen. Diesmal ging er weiter.

Enge Umfragen

Mit betont sorgenvollem Gesichtsausdruck erklärte Bayrou: "Nicolas Sarkozy ist nach seinem guten Ergebnis in der ersten Runde den Wählern der extremen Rechten hinterhergelaufen. Darin erkennen wir unsere Werte nicht wieder. Ich möchte keine ungültige Stimme abgeben, das wäre Unentschiedenheit." Es bleibe die Stimme für François Hollande. Dennoch werde er mit dieser Entscheidung kein "Mann der Linken", so Bayrou. Von Hollande trennt ihn besonders die Wirtschaftspolitik.

Im konservativen Lager bemühte man sich nach der Ankündigung Bayrous um demonstrative Gelassenheit. "Er hat ja schon 2007 erklärt, dass er nicht für mich stimmen würde, was mich nicht daran gehindert hat, zu gewinnen", erklärte Sarkozy im Radiosender Europe 1 und drückte zugleich Verwunderung über Bayrous Argumentation aus: "Nachdem er gründlich überlegt hat, sagt er, er wird für Hollande stimmen, und dann hat er hinzugefügt, dass der dieses Land bis zum Februar in die Pleite führen wird." Die letzten Umfragen, die am Freitag erschienen und einen aufholenden Sarkozy bei 47,5, aber einen immer noch führenden Hollande bei 52,5 Prozent sahen, waren vor Bayrous Erklärung abgeschlossen worden.