Kommentar

Von Leidenschaft und falschen Feinden

Thomas Schmid zum hundertsten Geburtstag Axel Springers und über seine Rolle als politischer Verleger

Als Axel Springer Verleger wurde, hielt sich sein Interesse an der Politik in sehr engen Grenzen. Später wurde er ein eminent politischer Verleger, und er wurde vielerorts als einer wahrgenommen, der Öl ins Feuer der Ost-West- wie Links-rechts-Konfrontation goss. Wie kam es zu dem Wandel und wie zu dieser Wahrnehmung? Letzteres lag vor allem daran, dass Axel Springer es nicht so gut wie seine Konkurrenten - etwa Augstein und Bucerius - verstand, seine Parteinahmen zu drapieren und mit dem Glorienschein des besseren und scheinbar unparteiischen Menschseins zu versehen.

Springer war Partei, er verbarg es nicht, und er verbarg auch nicht, dass - nach seiner missglückten Moskaureise von 1958 - Enttäuschung im Spiel war. Axel Springer, im Privaten ein Charmeur und ein Zweifler, war in der politischen Sphäre ein Überzeugungstäter und Draufgänger. Den nonchalanten Umgang mit Unrecht, etwa mit der Mauer und der Teilung, konnte er nicht hinnehmen. Nach seiner politischen Wende war er auf leidenschaftliche Weise politisch - eine erste Parallele zu den 68ern, die er so vehement ablehnte und die ihn so vehement ablehnten. Lagen wirklich die besser, die sich - mit lauter guten Argumenten und kaltem Herzen - mit Mauer und Teilung und totalitärer Herrschaft abgefunden, ja arrangiert hatten? Axel Springer entwickelte ein geradezu heiliges Interesse für das Schicksal des Landes, und das hatte, auch persönlich motiviert, durchaus einen religiösen Unterton. Er war überschwänglich, oft auch einseitig, ungerecht. Es gilt jedoch: Nur wer keine Leidenschaften hat, verrennt sich nicht. Der gleichmäßige Ton ist meist ein langweiliger Ton. Und nicht zuletzt: Axel Springers Engagement für das Existenzrecht Israels war in einer Gesellschaft, in der der Antisemitismus noch herrschte, alles andere als selbstverständlich.

Man kann die Geschichte des Verhältnisses zwischen Axel Springer und den 68ern auch als eine Geschichte verpasster Gelegenheiten erzählen. Als die Studentenbewegung begann, standen wir Protestierenden ziemlich alleine da, an Anfeindungen übelster Art mangelte es nicht. Doch das focht uns nicht an. Wie es auch Axel Springer nicht anfocht, dass seine Gegner in der Mehrheit zu sein schienen. Die Wahrheit muss nicht auf der Seite der Mehrheit sein: Das war Springer, zumeist, so selbstverständlich wie, anfangs, den 68ern. Axel Springer, dessen Blätter um 1968 herum in einen Ton aggressiver Minderheitenschelte verfielen, war auch einer, der Autoritäten misstraute. Er fühlte sich, wie die revoltierenden Studenten, mit Adenauer ebenso unzufrieden wie mit Willy Brandt, anders als seine Verlegerkollegen war er mit keiner Seite liiert. Und wie ein Teil der 68er auch scheute sich ein Teil seiner Blätter nicht, die Wahrheit zu vereindeutigen, den Gegner zu verteufeln und zu dämonisieren, keine andere Meinung zu dulden.

Eine verpasste Gelegenheit

Der Verleger, ein Meister nüchternen Gewinnmachens, sagte auch: "Die Welt wird verändert durch Träume." Ähnlich ins Visionäre verliebt haben auch die 68er geredet, denen das Gewinnstreben ebenso fremd war wie es Axel Springer im Laufe der Jahrzehnte zu etwas Zweitrangigem wurde. Die Revolte von 1968 war auch eine große mediale Inszenierung - wie der Erfolg Springers. Von Anfang an, erst unpolitisch, dann politisch, verstand es der Axel-Springer-Verlag, Themen zu inszenieren und Kampagnen zu lancieren. Auch hierin waren die 68er verwandt: Ihr wohl größter realpolitischer Erfolg wurde die Anti-Springer-Kampagne, deren zentrale Verdächtigungen noch heute durch die Öffentlichkeit geistern und unangefochten Geltung reklamieren. Dass sie dabei - unwissentlich und wissentlich - von den erbitterten Feinden der Freiheit in Ost-Berlin munitioniert oder gelenkt wurden, gilt vielen Springer-Gegnern allenfalls als eine lässliche Sünde, die lächelnd verziehen werden darf. Die 68er waren weit mehr die Kinder von Coca-Cola als des an den Haaren herbeigezogenen Karl Marx.

Was wäre gewesen, wenn? Das darf ein nüchterner Zeitgenosse nicht fragen. Doch kann man vielleicht sagen: Dass der Axel-Springer-Verlag und die 68er nicht ins Benehmen kamen, stellt vielleicht eine unglücklicherweise verpasste Gelegenheit dar. Der Protest von 1968 war möglich und weithin gefahrlos, weil - dank der westlichen Alliierten, dank Adenauer, ein wenig dank auch des Axel-Springer-Verlags und seiner Ermahnungen an die Adresse Amerikas - die Freiheit gesichert war, weil es ein Fundament gab, auf dem sich die protestierende Bürgergesellschaft entwickeln konnte. Das sahen wir nicht, wollten wir nicht sehen. Wie umgekehrt im Hause Springer lange Zeit nicht wahrgenommen wurde, dass der Protest von 1968 eine Inbetriebnahme der Demokratie darstellte. Dass hinter ihm der Ruf nach Verwurzelung und Verbreiterung der Demokratie stand. Dass hier das Recht auf das Neinsagen reklamiert wurde. Und dass hier am Anfang der sehnliche Wunsch vorherrschte, auch mit dem inneren Nazi-Erbe zu brechen und das Haus der Demokratie mit Leben zu erfüllen. In der Rückschau wirkt es ganz so, als hätten da zwei Seiten den falschen Feind ausgemacht.