Plagiatsvorwürfe

Die vergessenen Diplomarbeiten des ungarischen Ex-Premiers

In Ungarn herrscht gerade Jagdsaison auf Politiker. Die Munition ist gefährlich: Plagiatsvorwurf.

- So mancher Platzhirsch wird dabei waidwund geschossen. Am 2. April trat Staatspräsident Pál Schmitt zurück; die Oppositionszeitschrift "HVG" hatte enthüllt, dass er weite Teile seiner Abschlussarbeit abgeschrieben hatte.

Die Rache der Gegenseite folgte umgehend. Eine Lokalzeitung der Stadt Pécs fand heraus, dass die Diplomarbeit des linken Oppositionsführers, des ehemaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány, als einzige Arbeit seines Jahrgangs aus den Archiven der Universität Pécs verschwunden ist. Dazu schwirren Gerüchte, wonach die damals (1984) noch herrschende kommunistische Diktatur dem aufstrebenden Jung-Apparatschik auch ohne Abschlussarbeit zum Diplom verholfen habe. Gyurcsány studierte in Pécs Pädagogik und Wirtschaftswissenschaften.

Der linke Politiker verfügt sogar über zwei Diplome - aber auch die zweite Diplomarbeit ist derweil unauffindbar. Er selbst hat - so sagt er - ebenfalls beide Arbeiten verloren.

Nun enthüllte der regierungsnahe Fernsehsender Hir-TV ein weiteres seltsames Detail: Zwar sei Gyurcsánys erste Diplomarbeit verschollen, nicht aber die seines damaligen Schwagers Szabolcs Rozs. Der hatte im Jahr 1980, an derselben Hochschule, eine Arbeit mit wortgenau gleichem Titel eingereicht: "Weinanbau und Weinwirtschaft am nördlichen Balaton". Hat Gyurcsány vom Schwager abgeschrieben oder gar dessen Arbeit noch einmal eingereicht?

Dazu sagt Rozs: Er sei überrascht, habe nie darüber mit Gyurcsány geredet, und außerdem seien seine und Gyurcsánys Interessen sehr unterschiedlich gewesen. Gyurcsány hingegen erklärte, weil Rozs damals ja sein Schwager gewesen sei, sei es "sehr gut möglich", dass er dessen Arbeit gelesen, und "sehr wahrscheinlich", dass er sich daraus bedient habe. "Ich will glauben, dass ich diese Passagen ehrenhaft gekennzeichnet habe", meinte Gyurcsány. Worte aus dem Munde eines Mannes, der 2006 aus Versehen zugab, er habe das Volk "morgens, mittags und abends belogen".

Eindeutigkeit klingt anders, und schon ruft die mitregierende KDNP nach dem Abgang des Oppositionspolitikers von der politischen Bühne. Der Ex-Kommunist ist eine polarisierende Figur, die viel zur Hässlichkeit des politischen Grabenkampfs in Ungarn beigetragen hat. Kaum vorstellbar, dass er einfach schamesrot verstummt. Gyurcsány war von 2004 bis April 2009 Ministerpräsident Ungarns.