Personalien

Die Piratenpartei zwischen Bällebad und Kabelsalat

Alles ist anders als bei den Etablierten. Ein Älterer löst einen Jüngeren als Parteichef ab

- Es könnte sogar sein, dass es ein solches Bällebad schon einmal bei einem Treffen einer anderen Partei gegeben hat. Doch vermutlich hätte ein Becken mit Hunderten bunter Kugeln zum Hineinspringen unberührt dagelegen. Nicht so bei der Piratenpartei. Das Bällebecken hat einen besonderen Hintergrund: Die Arbeitsgemeinschaft "Flausch" hatte dafür Geld gesammelt. "Flausch" bedeutet im Piraten-Slang, dass die Parteimitglieder, die sich so gern öffentlich streiten, auch mal zusammen Spaß haben, sich loben, vielleicht sogar lieb haben sollen. Dass der Beweggrund der AG "Flausch" kein Jux ist, zeigte sich recht schnell: In kurzer Zeit wurde genug Geld für das gemeinsame Planschen gespendet. Wenn die Piraten Bundesparteitag abhalten, ist es auch immer so, als würden sie auf Klassenfahrt sein.

Streng genommen gibt es natürlich Wichtigeres auf dem Treffen an diesem Wochenende in Neumünster. Es steht die Neuwahl des Bundesvorstandes an. Der neue Chef wird am Nachmittag gekürt, heißt Bernd Schlömer und arbeitet als Regierungsdirektor im Bundesministerium der Verteidigung. Der 41-Jährige, bisher Vizevorsitzender der Piraten, setzt sich mit 66,6 Prozent der Stimmen gegen den 13 Jahre jüngeren bisherigen Chef Sebastian Nerz durch, der jetzt wiederum zum Vizeparteichef gewählt wird und seine Bereitschaft für eine Bundestagskandidatur erklärt. Das bekannteste Gesicht der Piraten, Marina Weisband, nimmt freiwillig eine Auszeit. Zudem wird am Programm der so oft als programmlos Bezeichneten ein bisschen herumgeschraubt. Allerdings: Bei den Piraten geht es immer auch um Inszenierung. Wahlkampf machen sie dem Namen entsprechend auf Schiffen. Wo es eine Kamera gibt, ist nie jemand fern, der Augenklappe oder Freibeuter-Hut aufgesetzt hat.

Auf jeden Fall ist ein Parteitag der Piraten komplett anders als bei "den Etablierten". Und dieses Anderssein einer Partei ist laut Umfragen ja auch der wichtigste Grund für die derzeitige Euphorie der Wähler. Es lohnt sich also, bei diesem Treffen mal einen genauen Blick auf das Kuriositätenkabinett der Piraten zu werfen.

Zunächst fällt die pure Menge Menschen auf. In Neumünster kamen zwar weniger Piraten als zunächst gedacht zusammen. Doch im Vorfeld des Treffens war hier und da von "locker" über 2000 Teilnehmern die Rede gewesen. Er kommen bis Sonnabendnachmittag dann nur rund 1500 akkreditierte Mitglieder. Doch bereits das sind wesentlich mehr als bei den anderen Parteien. Der Grund: Bei den Piraten gibt es keine Delegierten. Stattdessen ist jedes Mitglied stimmberechtigt - und wie bei allen anderen Parteien wird über Personenwahlen auch bei den Piraten heftig debattiert. Das zieht Piraten an.

Diesmal so viele, dass es schon vor Wochen nicht leicht war, in Neumünster Hotelzimmer zu bekommen. Deshalb gibt es ein ungewöhnliches Angebot: Wer Schlafsack und Isomatte dabei hat, kann auf dem Hallenboden übernachten. Improvisation ist fast alles bei den Piraten.

Mit diesem Talent schaffen sie es am Nachmittag, in der Diskussion um mögliche rechtsextreme Strömungen in der Partei ein deutliches Zeichen zu setzen: Kurzfristig wird ein Sonderantrag eingereicht, in dem klar jede Leugnung des Völkermords an den Juden verurteilt wird. Den Holocaust unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zu leugnen oder zu relativieren "widerspricht den Grundsätzen unserer Partei", heißt es darin.

In der Nacht zum Sonnabend haben rund 50 Piraten in der Halle Kabel montiert, damit die Technik funktioniert. Rund zwei Kilometer Netzwerkkabel wurden verlegt, mit rund 50 Kilometer Klebeband. Das ist auch notwendig, denn beim Treffen einer Partei, die aus dem Netz kam, stehen auf den Tischen sehr oft Computer neben Computer. Es ist eine besondere Kultur, die man in Neumünster beobachten kann: Der Versammlungsleiter zieht das Programm zwar stramm durch und ermahnt den dauerbrabbelnden Piraten-Kindergarten: "Das ist hier kein Kaffeekränzchen, im Ernst!" Doch bei der Wortwahl erkennt man weniger Disziplin: Die scheidende politische Geschäftsführerin Weisband wirkt in ihrem bodenlangen Kleid mit einer roten Blume im Haar fast exotisch. Sie hofft, dass die Piraten einen "geilen Vorstand" wählen. Es sieht also alles ein bisschen chaotisch aus. Aber es klappt. Sogar im Zeitplan. Eben ein bisschen anders als bei den anderen Parteien.