Interview

"Amok ist ein lernendes System"

| Lesedauer: 6 Minuten

Schriftstellerin Ines Geipel fordert mehr Aufmerksamkeit für die Gewaltbereitschaft, die sich im Internet auflädt

- Was bringt einen jungen Mann dazu, wahllos auf Menschen zu schießen? Wie viel seelische Verwahrlosung ging dem voraus? Und welche Rolle spielt dabei das Internet? Diese Fragen werden zurzeit in Oslo verhandelt, wo der Massenmörder Anders Breivik vor Gericht steht. Und es sind Fragen, die sich Erfurt seit zehn Jahren stellen muss. Am 26. April 2002 erschoss am Erfurter Gutenberg-Gymnasium der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser 16 Menschen. Drei weitere Amokläufe haben sich seither in Deutschland ereignet. In einschlägigen Internetcommunitys kursieren mittlerweile Rankings dieser Gewalttaten, Erfurt rangiert dabei auf Platz zwei - direkt hinter dem Attentat auf die amerikanische Columbine Highschool. Die Amokläufer radikalisieren sich aneinander, sagt die Schriftstellerin Ines Geipel.

Berliner Morgenpost:

Breivik vor Gericht, wer triumphiert da über wen?

Ines Geipel:

Ich sehe nicht, dass Breivik auch nur eine Sekunde triumphieren konnte.

Aber er hat die Bühne, die er immer wollte. In seinem Manifest schrieb er: Terror ist Theater, und Theater spielt vor Publikum.

Breivik ist ein medialer Schürzenjäger. Das hat sich schon letzten Sommer gezeigt: Eine halbe Stunde, bevor er seinen Todesgang eröffnete, setzte er sein Pamphlet und das Video ins Netz. Auf kaltblütigste Weise versuchte er, seine Rezeption im Voraus zu steuern. Er wusste genau, wo er andocken musste, und das ist - kein Wunder in unserer medialisierten Gesellschaft - zunächst auch genau aufgegangen. Er sei der erste intellektuelle Amokläufer, hieß es damals. Der Prozess zeigt nun, dass er viel zu stark politisiert wurde. Sein Manifest ist einfach nur Schwachsinn, Modulquatsch. Und sein Selbstbild als großer Missionar - das ist implodiert.

Ist das die Leistung dieses Prozesses: den Täter zu entdämonisieren?

Ja, die Staatsanwälte sind bestens vorbereitet und konfrontieren ihn mit seiner eigenen Realität. Es ist unglaublich, wie ernsthaft die Norweger mit diesem Verbrechen umgehen. Ich schau mir das mit großem Respekt an. Dort passiert genau das, was ich in Deutschland vermisse.

Was denn? Es gab ja in Deutschland keine überlebenden Amokschützen, sie haben sich alle umgebracht.

Norwegen nimmt dieses Verbrechen als Konflikt ernst und verhandelt ihn in der Mitte der Gesellschaft. Denn dort sind alle Amoktaten angesiedelt. Die Täter sind keine Dämonen, Monster und auch nicht das Unheil, das vom Himmel fällt. Sie sind Insider. Ihre Gewalt kommt als Echo aus dem gesellschaftlichen Binnenraum. Die norwegische Gesellschaft hat sich Zeit zum Trauern genommen, aber nun agiert sie hochpolitisch und mit bewundernswerter Vernunft: Sie lässt sich von der Inszenierung Breiviks nicht schrecken, sie verdrängt nicht, sondern gibt der Analyse des Verbrechens den Raum, den es braucht.

Und dazu das öffentliche Verfahren?

Die Tat bis ins Detail öffentlich zu verhandeln und der Gesellschaft die Bereitschaft abzufordern, sich das anzuschauen, ist eine außerordentliche Leistung. Ich bewundere die Norweger für diese Souveränität zu sagen: "Wir schauen uns das an, wir wollen jedes Detail wissen, und er bekommt die Zeit, seine Aussagen zu machen, wir halten das aus, auch wenn es uns fast zerreißt. Wir machen uns ein Bild, und danach sprechen wir ein Urteil." Dass sie die Zügel in der Hand behalten und nicht von einer Ohnmacht in die andere laufen, ist Zeichen einer starken Zivilität.

Seit dem Amoklauf von Robert Steinhäuser in Erfurt sind nun genau zehn Jahre vergangen. Wurde hier nichts daraus gelernt?

Doch, dass sieht man auch an den Amokläufen, die sich seither in Deutschland ereignet haben: Technisch und rechtlich ist nach Erfurt einiges passiert. Die Schulen sind auf Flucht umgebaut worden, die Polizeistrategie hat sich komplett verändert, die Rettungsketten wurden professionalisiert. Alles gut und richtig. Aber die Bürokratisierung von Amokläufen allein reicht nicht, zumal sich um das Phänomen herum eine starke Angstkultur entwickelt hat. Wir sind nervös und wehren zugleich ab. Das ist zwar verständlich, aber keine Lösung. Vor allem Eltern sind verzweifelt. Sie wissen nicht, was sie mit ihren Söhnen machen sollen, die völlig verstummt nur noch am Computer sitzen.

Es ist vermutlich das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass schon kleine Kinder ihren Eltern bei zukunftsweisenden Technologie haushoch überlegen sind.

Aber ist das nicht genau der Punkt, um den es gehen müsste? Gewalt ist zum vitalen Lösungsmodell in unserer Popkultur geworden. Wir richten uns ein darin, dass es hie und da schießt, schauen uns die Katastrophenbilder an und sind erleichtert, wenn wir weit weg genug waren. Das Phänomen Amok in Deutschland erzählt seit zehn Jahren von überforderten Eltern, überforderten Lehrern, überforderten Kindern und vom Verschieben von Verantwortung. Deshalb plumpsen die Taten gesellschaftlich im Grunde in ein Vakuum. Jugendliche Amokläufer sind Seismografen einer Gesellschaft. Sie schießen in deren Tabus. Es liegt an uns, diesen Code lesen zu lernen.

Ist Amok für ein Phänomen unserer Zeit?

Amok hat eine lange Geschichte. Aber seit dem Amoklauf in Columbine 1999 und mit dem Einbruch der neuen Medien gibt es eine Art virtuelle Folie. Dieses Handlungsmodell wird kopiert und hat eine ganz eigene Ästhetik entwickelt. Man kann mittlerweile im Internet kostenlos ein Columbine-Video runterladen.

Als Training für den Amoklauf?

So ist es. Wir haben es hier mit einem lernenden System zu tun. Diese Jungs haben alle einen hohen IQ, sind stark an der Maschine. Während sie zunächst als virtuelle Todeskämpfer im Netz unterwegs sind, lernen sie mühelos voneinander. Sie radikalisieren sich, indem sie ihre Vorgänger toppen.